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Traum - Tinte
Manchmal ist es düster und es regnet, und manchmal ...
Ich fragte in unserer Straße ein vierjähriges Mädchen nach seinem bitterlichen Weinen und es antwortete: „Ich habe Zwiebeln geschnitten.“
Die Antwort machte mich traurig. Das Mädchen schämte sich seiner Gefühle und hatte gehört, dass man vom Zwiebelschneiden weinen musste. Es wurde ihm zur ernsten Ausrede. Jedenfalls dachte das Mädchen, es würde die Erwachsenen zufriedenstellen und alles erklären.
Lange Zeit sah ich das Mädchen nicht mehr.
Als ich es wieder traf, war es zehnjährig. Es weinte nicht mehr, aber in seinen Augen sah ich kein Glück. „Mein Papa ist auch gegangen“, sagte es. Es faltete Briefe zu Papierschiffchen und setzte sie in die Bordsteinrinne.
Wie ich eines vor dem Gulli retten und ihm zurückbringen wollte, lief es fort.
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free
Ich dachte an meine wilden Jahre. An die Freiheit, an das Rebellensein und an meine langen Haare und an den easy rider.
Behutsam hielt ich den Jungen in den Armen. Er sah mich an. Schöne, klare Augen hatte er, grünblaue, vom Grün ein bisschen mehr. Es war ein hübscher Junge mit hellen Haaren. Die schmalen Lippen bewegten sich. Er öffnete den Mund und gab leise Töne von sich. Ich strich ihm über die Stirn und er sabberte kaum hörbar:
"Mam"
Dann nochmals "Mam", und er schloss die Augen. Ich erhob mich und blickte zu dem Motorrad unter dem Lastwagen. Das Martinshorn war verstummt. Jemand schob mich beiseite.
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wolkenlos
Ich lernte eine Frau kennen und hatte sie gerne. Manchmal hielt ich ihre Hand. Sie lehnte sich an mich und erzählte mir von den Enttäuschungen ihres Lebens. Von dem Mann, der ihr versprochen hatte, sie zu heiraten, obwohl er eine Frau hatte, aber das wusste sie damals noch nicht. Sie arbeitete in seiner Catering-Kette, abwechslungsreich und fast geschenkt. Bis sie von seinem Doppelleben erfuhr, ihn wegschickte und traurig war. Ich tröstete sie und erzählte ihr von meinen Träumen. Von den Booten unter Wasser, den weißen Wolken am Himmel und dem Schraubendröhnen auf See und von den Engeln, die einander erschlugen. Sie mochte meine Träume und sehnte sich nach Liebe. Wir trafen uns häufiger, bis sie nicht mehr kam. Ich schickte ihr einen Brief, sie möge zum Arzt gehen, sie habe psychische Probleme, und versetzen könne sie einen anderen Mann, oder einen Engel, oder die Zwergenkönige, und nicht mich. Ich bekam keine Antwort. Tage später suchte ich sie. Als ich sie gefunden hatte, zogen weiße Wolken am Himmel über ihrem Grab.
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ein wenig widerspenstig
Ich hatte von ihm gehört und gelesen, und dann besuchte ich ihn.
Er wohnte in einem schönen Haus und ich fragte ihn, warum er es denn nie verlasse. Ob er denn nicht wisse, dass man ihn draußen brauche? Er sprach, man möge doch zu ihm kommen, wenn man etwas von ihm wolle. Ich sagte, dass viele nicht wüssten, dass es ihn gibt und er hier wohne. Er erwiderte, ich hätte doch zu ihm gefunden, und dass es die anderen mir gleichtun könnten, die Tür sei immer geöffnet. Ich sagte, ich sei nur gekommen, um ihn wegen seiner Verborgenheit zu fragen, mehr wolle ich nicht. Er meinte, dass die Menschen nur ein wenig widerspenstig seien, sich aber eines Tages auf den Weg zu ihm machten. Ich warf eine alte Gürtelschnalle in den Opferstock und sagte, dass nicht alles wertvoll ist, was klimpert und er ein bisschen blind seie und ging betrübt davon.
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felipe
Der Papagei hing kopfüber an einer Schnur von der Decke herunter. Es war ein schöner Papagei. Ein bunter Papagei mit Glasaugen im Kopf und Stroh im Bauch. Felipe nannte ihn Arakea, weil er dachte, Papageien gäben "Ara" und ein bisschen "Kea" von sich, wenn man sie vom Himmel schoss oder sie mit Drahtschlingen in den Ästen des Dschungels ein wenig ihrer Freiheit beraubte.
Der Abend war gut für ihn. Felipe malte und bewarf den Papagei mit Glasmurmeln, und der Schnee kitzelte in seiner Nase.
Sie kamen zu zweit, trugen lange Röcke und Blusen ohne Zitzen. Sie erzählten Felipe von einem Leuchtturm, und dass er alleine draußen auf dem Meer treiben würde, und dass er endlich heimkehren solle.
Felipe kehrte heim. Er entzog sich dem Schnee und den Stürmen. Er heiratete eine zitzenlose Frau, setzte Kinder in die Welt und berichtete den Menschen an den Haustüren vom Leuchtturm und dem Meer.
Er war alt und gebeugt, als er den Papagei vom Dachboden holte, in seine Tasche packte und davon ging, ohne etwas zu sagen.
Der Abend war gut für ihn.
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_________________ http://gernot-jennerwein.de.tl Portrait und Werksverzeichnis
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