Autoreninterview mit Wolfram Alster:
Soleil: Soll ich Duzen oder Siezen?
Wolfram: Hallo erstmal, ich denke, das mit dem Duzen ist völlig okay. Außerdem bin ich ja erst 31, also eigentlich noch jung.
Soleil: Du bist ja ein vielseitiger Autor, schreibst neben Krimis auch homoerotische Romane. Wie hast Du zu diesem Genre gefunden, was macht das Besondere daran aus?
Wolfram: Das war eigentlich eher Zufall. Ich schreibe Phantastik und Krimis, also Fantasy, und Drehbücher, und irgendwann wurde ich von einer Filmproduktion, für die ich ab und an schreibe, gebeten, einmal ein Drehbuch zu schreiben, das eine deutsche Fassung von „Queer as Folk“ oder etwas ähnliches sein könnte (das war 2002, zu den Hochzeiten der US-Version). Das machte ich dann, aber als die Idee nicht verkauft werden konnte, fand ich die Story für zu schade, um sie wegzuwerfen, also habe ich das alles noch einmal vollständig umgebaut, eigene Ideen eingebracht, und ein Buch daraus gestrickt („Poison“, 2003). Und inzwischen gibt es schon drei Bände aus dieser Reihe, und zwei weitere sind fast fertig.
Soleil: Würdest Du sagen, dass es sich bei der Homoerotik eher um ein problematisches Genre handelt? Warum?
Wolfram: Ja, auf jeden Fall. Für die meisten (heterosexuellen) LeserInnen über vierzig ist Homosexualität ein absolutes Tabuthema. Man hat es sehr schwer, wenn man sich auf dem Literaturmarkt neu etablieren möchte und nur Homoerotik schreibt, einfach weil die Intoleranz größer ist. Als Beispiel würde ich da gerne die Wikipedia (ein Online-Lexikon) anführen. Da ich schon ein paar Bücher veröffentlicht hatte, war ich wohl relevant genug, um dort einen eigenen Artikel zu haben. Es dauerte nicht allzu lange, und plötzlich bemerkten ein paar Leute, die ich durchaus als homophob bezeichnen würde, dass der Artikel einen Autor von Homoerotik beschreibt. In den folgenden Wochen entbrannte dort eine Hetz- und Mobbingkampagne vom feinsten, eine „Anti-Wolfram-Fraktion“ nur aus dem Grund, weil ich eben nicht ein heterosexueller junger Autor, sondern ein schwuler junger Autor bin. Und das ist schon schwierig, finde ich.
Soleil: Möchtest Du eines Deiner Bücher gern genauer vorstellen? Dann ist hier Deine Gelegenheit.

Warum gerade dieses?
Wolfram: Ohje… Da gibt’s eigentlich drei oder vier, die ich gern vorstellen würde: „Schlampenfieber“, ein homoerotischer Thriller, der in Frankfurt spielt, und der mir sehr am Herz liegt, ebenso wie die Anthologie „Herrenreiter 2006“, die ich mit Dante Laveau herausbringe, und in der sich Topautoren der deutschen Literaturszene an homoerotischen Inhalten versuchen… oder „Frauenzimmer“, mein Erstling im Bereich lesbischer Literatur, allerdings auch eine Anthologie zusammen mit Danielle de Santiago… da gibt’s eigentlich eine ganze Menge.
Soleil: Dann erzähle uns ruhig über alle in wenig *g
Wolfram: Gern. Beginnen wir doch am besten mit „Schlampenfieber“. Die Story beginnt völlig unerwartet und nicht ohne Situationskomik. Hauptpersonen sind Olaf Bauer, Kriminalhauptkommissar in der Mordkommission, Dr. Timo Götz, seines Zeichens Pathologe, und Steven Scott, Pornoproduzent für homoerotische Filme. Diese drei völlig unterschiedlichen Menschen werden von der Handlung dazu genötigt, zusammen zu arbeiten, und einen Serienkiller zu fassen. Trotz der packenden Handlung ist auch hier wieder mein gefürchteter Wortwitz zu finden, und ich denke, dass dieses Buch eins der besten ist, die ich in letzter Zeit geschrieben habe – übrigens zusammen mit Stefan Jöckel. Der „Herrenreiter 2006“ ist da eine völlig andere Sache. Dieses Buch erscheint ja jährlich – daher die Jahreszahl hinter dem Titel – und beinhaltet homosexuelle Kurzgeschichten und Novellen von Autoren, die eigentlich ganz andere Literatur schreiben. Beispielsweise ist Regina Károlyi, die bisher an allen Herrenreiter-Bänden mitgewirkt hat, normalerweise mit Krimis und historischen Sachbüchern („Wisst Ihr noch, wie es damals war…“-Reihe) auf dem Markt vertreten. Oder Christel Scheja, die eigentlich als Fantasy-Autorin sehr bekannt ist… oder Charlotte Engmann, die besonders Heftromanleser kennen. Beim „Herrenreiter“ bin ich selbst auch mit einer Geschichte vertreten, mit dem „Mörder von St. Pauli“, ansonsten beschränke ich mich auf die Tätigkeit des Herausgebers, zusammen mit Dante Laveau. „Dante Laveau“ ist ein Pseudonym, von wem, wird allerdings noch nicht verraten. Und das „Frauenzimmer“ ist sozusagen das Pendant zum Herrenreiter, allerdings mit vermehrt lesbischer Literatur. Dieses Buch bringe ich gemeinsam mit Danielle de Santiago heraus, mit dem ich auch übrigens gerade einen Lothringen-Krimi namens „Mordlust“ schreibe. Wenn man dann noch „ecstasy“, und „sweet addiction“, an denen ich auch zeitgleich arbeite, und die die Nachfolgebände von „Bondage“ sind, mit einbezieht, dann weißt Du jetzt, warum ich kürzlich behauptet habe, dass der Preis fürs Schreiben ewiges Singletum ist: Sowas hält kein Mann auf Dauer aus!
Soleil: An welcher Figur Deiner Romane hängt Dein Herz am meisten und warum?
Wolfram: Mein persönlicher Favorit momentan ist Olaf Bauer, Frankfurts Superschlampe und Superpolizist in Personalunion, der in „Schlampenfieber“ und den zwei Nachfolgebänden, die schon geschrieben, aber noch nicht erschienen sind, mitmischt. Der ist nicht nur mein „böses“ Alter-ego, sondern hat irgendwie Ausstrahlung, Persönlichkeit. Also, wär der echt, ich würd mich sofort verlieben *lacht*.
Soleil: Wie lange hast Du insgesamt an dem Roman geschrieben?
Wolfram: Das trau ich mich gar nicht zu sagen: Zwei Wochen. Jeder, der mich näher kennt, fasst sich immer an den Kopf. Ich schreibe ein durchschnittliches Buch mit 300 Seiten wirklich in zwei bis drei Wochen. Ich setz mich dann hin, und dann fließt die Handlung nur noch aus mir heraus. Das mach ich dann ein paar Stunden pro Tag, und dann ist das Buch fertig.
Soleil: Wo und wie kann man denn das Buch (alle Bücher) bestellen/ kaufen?
Wolfram: Wie immer, in jeder Buchhandlung, oder beim dead soft verlag – oder im Webshop auf meiner Autorenseite, die sinnigerweise
www.deadsoft-verlag.de heisst. Das muß ich auch immer dazu sagen: Nein, der Verlag gehört nicht mir. Ich habe nur eine Weile für den dead soft verlag den Großkundenvertrieb gemacht (und mache das regional für Hessen und Rheinland-Pfalz immer noch), sodaß es einfach Sinn machte, die Seite so zu nennen. Außerdem haben da ne Menge Autoren und Verlagsleute email-Adressen drauf. Aber ich bin NICHT der Verleger.
Soleil: Was zeichnet Deine Bücher insgesamt gegenüber den anderen auf dem Markt aus? Warum glaubst Du, sind sie es wert gekauft zu werden?
Wolfram: Schwer zu sagen. Viele meiner Kollegen schreiben gute Literatur, und es wäre unfair, meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Immerhin gelingt es mir, trotz des verhältnismäßig hohen Preises der Bücher so viele davon abzusetzen, dass ich davon leben könnte. Wer jedoch detailgetreue Erotik mag, ohne in die Pornographie abzurutschen, der ist bei mir richtig. Wer darüber hinaus packende Handlungen, fantastische Settings und emotionale Kraft möchte, wer gerne mitgerissen wird, der sollte wohl meine Bücher kaufen.
Soleil: Kennst Du einige Deiner Leser? Weißt Du, wer überwiegend Deine Bücher kauft? Wem genau würdest Du sie empfehlen?
Wolfram: Ich kenne ein paar. Schließlich habe ich einen Fanclub, sowohl im Internet, als auch in der Realität. Da sind wirklich 28 Leute, die kommen zu Lesungen, oder man trifft sich halt mal „so“ auf einen Kaffee. Wenn von Euren Lesern mal jemand in meinen Fanclub schnuppern möchte, kann ich Dir auch gerne die URL verraten:
http://de.groups.yahoo.com/group/Shahin_und_Brix/
Ich weiß, dass meine LeserInnen zwischen 18 und 35 sind, schwul oder weiblich. Ich werde aber auch von älteren Leuten gelesen, meistens von Frauen. Das hat mich anfangs sehr überrascht, aber ich weiß inzwischen, dass ich tatsächlich fast schon mehr weibliche als schwule Fans habe.
Soleil: Das hört man ja öfter mal, dass es vorwiegend Frauen sind, die homoerotische Romane oder Mangas kaufen und lesen. Wie würdest Du dir das erklären?
Wolfram: Ich weiß es nicht genau. Ich habe selbst viele Frauen befragt, warum das so ist, und jede hat mir eine andere Antwort gegeben. Vermutlich liegt es daran, dass Frauen ihre Sexualität stärker ausleben, und homoerotische Literatur zur Anregung mögen. Ich meine, es gibt so viele Männer, die lesbische Phantasien haben, was ist denn so verwerflich daran, wenn eine Frau gerne zwei hübschen jungen Männern beim Spielen zuschaut?
Soleil: Was möchtest Du Deinen größten Kritikern sagen?
Wolfram: Ich möchte Ihnen Sonne im Leben wünschen… Sonne und Freude kann man immer brauchen – und grundsätzlich: Was störts die deutsche Eiche, wenn sich… Na, Du kennst den Spruch ja sicher
Soleil: Klar.

Wenn einer Deiner Romane jemals verfilmt werden würde, welchen Schauspieler würdest Du dann gern darin sehen und warum?
Wolfram: Das ist eine wirklich gute Frage. Genau darüber habe ich vorgestern mit Arne Schwarz von A.R.T productions in Wiesbaden (das ist eine Filmproduktion) diskutiert. Es kann auch gut sein, dass bald mal drei Bücher (allerdings Drehbücher, die noch nicht als Romane auf dem Markt sind) verfilmt werden, und zwar die „Wild&Edel“-Reihe. Felix Wild ist Richter und schwul, Marc Edel ist Staatsanwalt und schwul, und beide haben eine ganze Menge gemeinsam. Und das wird dann in drei 90-Minuten-Fernsehfilmen gezeigt. Wobei es mir natürlich viel lieber wäre, wenn „Poison“, „Obsession“, „Bondage“ und die Nachfolgebände verfilmt werden würden. Da sähe ich dann gerne Jherrad Lopez als Shahin, und Gale Harold (Brian Kinney bei Queer as Folk) als Brix.
Bei „Schlampenfieber“ ist was ähnliches geplant, allerdings als Erotikfilm, mit ein paar in der Szene ziemlich bekannten Erotikdarstellern.
Soleil: Ach sieh mal an. *g Als hätte ich es geahnt. Wo wird man denn diese Filme zu sehen bekommen und wann in etwa?
Wolfram: Also, was die „normalen“, nicht erotischen Filme betrifft, sind wir noch in einer frühen Planungsphase, und ich kann dazu absolut noch nichts sagen. Was „Schlampenfieber“ betrifft, hängt es natürlich von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Finanzierung. Aber da sind wir sehr zuversichtlich, dass der Film noch dieses Jahr Produktionsstart haben wird, und gegen Juni oder Juli 2007 in ausgewählten Shops bestellbar sein wird. Ich empfehle zur Lektüre die Seite
http://www.boys-europe.de, dort werden nicht nur solche Projekte angekündigt, sondern es gibt schon sehr bald dort etwas zu sehen…
Soleil: Dann folgt jetzt mal ein ungalanter Themenwechsel. Wie und wann bist Du zum Schreiben gekommen?
Wolfram: Das ganze hat 1990 angefangen, da war ich 15. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich gerade das erste Mal einem Fantasy-Rollenspiel beigewohnt, und plötzlich hatte ich einfach Lust bekommen, mal ein paar Dinge niederzuschreiben. Durch eine glückliche Fügung wurde ich dann Rollenspielautor, und inzwischen gibt es zu fast keinem gängigen Rollenspielsystem im Fantasy/Dark-Fantasy/Mystery-Bereich nicht mindestens ein Modul oder einen Roman von mir – insgesamt 15 Stück.
Soleil: Hast Du einen bestimmten Ort an dem Du schreibst?
Wolfram: Auch das ist unterschiedlich, das hängt davon ab, wo ich mich gerade aufhalte. Das kann mein Wohnzimmertisch in Frankfurt sein, wo ich mit dem Laptop verkrieche, das kann auch die Terrasse der alten Mühle im Hunsrück sein, die ich seit mehreren Jahren recht erfolglos zu restaurieren versuche, oder die Küche des Hauses auf der Nordseeinsel Amrum. Ich habe sogar schon im Auto geschrieben. Es kann auch sein, dass ich in der S-Bahn sitze, oder im Intercity, wenn mir was einfällt, und ich Platz für den Laptop habe, geht’s los, ansonsten notiere ich mir die Ideen auf einem Zettel, und dann geht’s daheim los.
Soleil: Wann genau schreibst Du am liebsten und wo nimmst Du Deine Ideen her?
Wolfram: Am liebsten schreibe ich abends und in der Nacht. Die Ideen kommen einfach so – wenn mich die Muse küsst.
Soleil: Wie viel schreibst Du in etwa pro Tag und wie gehst Du dabei vor? Was fällt Dir zum Thema Schreibblockade ein?
Wolfram: Also, wenn ich schreibe, was ja in Phasen stattfindet, schreibe ich vier bis zwölf Stunden am Tag. Dann küsst mich die Muse, dann muß die Geschichte raus, und das tut sie auch J. Dann kann es aber auch Tage geben, da geht’s einfach nicht – und dann mach ich eben was anderes.
Soleil: Hältst Du dich beim Schreiben an altbewährte Muster (im Plot, Klischees) oder versuchst Du diese bewusst zu durchbrechen?
Wolfram: Meistens halte ich mich an den Plot. Wobei: Der Plot ist wandelbar. Also halte ich mich meistens an die Grundidee und schaue mal, was geht. Ich hab auch schon drüber nachgedacht, Charaktere sterben zu lassen, aber dann werde ich immer von meinen Fans bestürmt, und dann geht’s eben doch grad so noch mal gut (wie z.B. in „Bondage“, 2005).
Soleil: Liegt schon der nächste Roman zum veröffentlichen bereit?
Wolfram: Ja, und nicht nur einer. *lacht*
Soleil: Wer sind Deine zehn Lieblingsautoren? Finden sich darunter vielleicht auch Vorbilder?
Wolfram: Nein, ich hatte schon immer meinen eigenen Stil. Also, meine aktuellen Lieblingsautoren sind: Danielle de Santiago. Sein Stil ist mindestens genauso umwerfend wie sein Lächeln. Richard Schwartz („Das erste Horn“, Piper) – die Art, seine Leser mitzureißen, ist faszinierend. Außerdem schätze ich noch Valentin Pech, Tanja Schard, deren Lyrik mich jedes Mal aufs neue verzaubert, citizen_b, dessen Erzählstil mir gefällt, und last but not least meinen Verleger, Simon Rhys Beck.
Soleil: Was glaubst Du, welchen Stellenwert hat das Buch heutzutage noch?
Wolfram: Das ist die falsche Frage. In Zeiten, in denen Filme, virtuelle Systeme und Chats modern sind, hat das Buch einen anderen Wert bekommen. Bücher sind Unterhaltungsmedien, sie können auch Hörbücher sein, aber „out“ – wie manche Kollegen sagen – sind sie lange nicht.
Soleil: Gibt es ansonsten noch etwas, dass Du den Lesern mitteilen möchtest?
Wolfram: Nun, jeder, der mehr wissen will, kann mich gerne anschreiben. Meine Mailadresse ist
Wolfram@deadsoft-verlag.de. Ansonsten freue ich mich über die Idee von verlorene-werke.de, und hoffe auf gute Zusammenarbeit mit den anderen.
