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Zeitpunkt Null
"Was haben Sie herausgefunden?"
Es roch stark nach Zigarrenrauch in dem Büro. Heinrich war aus irgendeinem Grund furchtbar heiss. Vielleicht lag das daran, dass der Chef heute eine seltsame Laune hatte. Er war gar nicht sicher, ob er ihm richtig zuhörte - der Mann mit der Zigarre in der Hand starrte regungslos auf einen Zeitungsartikel hinab, nicht mal, als Heinrich eingetreten war, hatte er zu ihm aufgeschaut.
"Nichts, was wirklich von Bedeutung sein könnte..." begann er und blickte seinen Chef verschwörerisch an. Dieser jedoch war noch immer strikt auf den Artikel fixiert. "Er ist und war praktisch kerngesund. Nicht eine Krankenakte. War nie im Gefängnis, hat Psychologie studiert. Hat aber nicht gross was damit angefangen, war schon immer als Verkäufer tätig. Lebt seit fünf Jahren in der Wohnung, mit siebzehn das Haus der Eltern verlassen." erklärte Heinrich. Er fühlte sich hier im Büro seines Chefs nicht ganz wohl, dies hauptsächlich aufgrund der Tatsache, dass er hier eigentlich gar nichts zu suchen hatte. Er wunderte sich, weshalb sein Chef so detailierte Angaben von ihm forderte.
"Gibt es da vielleicht etwas, was Sie mir sagen wollen, was diesen Fall anbelangt?" fragte er, um die Aufmerksamkeit seines Gegenübers nun vielleicht doch auf sich zu lenken.
Der Chef richtete sich etwas in seinem ausserordentlich komfortablen Sessel auf. Heinrich versuchte festzustellen, ob seine Gelassenheit nicht gespielt war. Es gelang ihm nicht.
"Ich muss über die momentanen Geschehnisse in der Stadt informiert sein. Es passieren Dinge... seltsame Dinge, wenn Sie verstehen, was ich meine." erklärte der Chef, blickte aber noch immer nicht auf.
Heinrich schürzte die Lippen und hob die Brauen. "Leider nicht... klären Sie mich auf?"
Der Chef klappte die Handfläche nach oben, als würde ihm die Antwort von der Decke in die Hände fallen. "Bromer, Bromer... lesen Sie denn keine Zeitung mehr? Talik ist nicht der einzige Fall... um genau zu sein, er ist der vierte." erklärte er etwas tadelnd und blickte Heinrich nun endlich an. Er reichte ihm die Zeitung. Leicht irritiert nahm dieser sie entgegen und sah auf die Seite, auf die sein Chef die letzten paar Minuten gestarrt hatte.
Der Zeigefinger des Chefs, an dem er ein silberner, dicker Ring trug, tippte auf einen kleinen Bericht in der unteren rechten Ecke der Seite.
Mordserie setzt sich fort
Gestern wurde uns bereits der dritte Mord in dieser Woche kurz vor Silvester bekannt gegeben. Wie auch bei den vorherigen beiden Taten handelte es sich um eine glücklich verheiratete Ehefrau. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um denselben Täter handelt, konnte jedoch bisher noch keine Spuren des Mörders feststellen. Der verwitwerte Ehemann des Opfers, der anonym bleiben wollte, äusserte sich auf den Mord hin noch nicht.
Stirnrunzelnd blätterte Heinrich den Rest der Zeitung durch. "Ist das alles? Ein kleiner Nebenbericht?"
"Tja... viel gibt es eben nicht zu schreiben, da diese Morde praktisch identisch abgelaufen sind." erklärte der Chef und paffte an seiner Zigarre.
"Sie denken also, dass Golimi unschuldig ist?"
"Nicht zu schnell urteilen, Bromer. Vielleicht hat er von den vorherigen Morden gehört und hat die Situation genutzt, um in der Mordreihe vergessen zu gehen."
"Das wäre natürlich keine schlechte Täuschung..."
"Ich verlange, dass Sie mit den anderen arbeiten, die mit den Morden beschäftigt sind. Suchen Sie nach Hinweisen des Mörders, und ob es noch weitere Zusammenhänge zwischen den Opfern gibt."
„Noch zwei Stunden, Heinrich!“ erklang es hinter der Tür. Heinrich hörte es gar nicht. Er war so sicher gewesen, dass Golimi schuldig war, doch nichts hatte er gefunden. Gerade blätterte er alte Zeugnisse und Listen von Arbeitskollegen durch.
Nach einer weiteren Viertel Stunde rief der Kerl schon wieder: „Noch eindreiviertel Stunden, Heinrich!“
„Frederik, sollten Sie nicht längst Zuhause sein!?“ erwiderte Heinrich etwas verärgert.
„Nein, der Chef reisst mir den Arsch auf, wenn ich morgen nicht fertig bin!“ brüllte Frederik die Antwort zurück. Heinrich konnte nicht anders als breit zu grinsen – so ein Herumgeschreie quer durch die Büros hindurch gab es einfach nicht alle Tage… zumindest nicht heute bei der Mordkommission. Ein Abend des 31. Dezembers kam ihnen da gerade gelegen, und für Heinrich war Silvester sowieso kein besonders spezieller Feiertag… besaufen konnte man sich immer, daran konnten noch so viele schimmernde, bunte Lichter im Himmel nichts ändern.
„Was ist mit Ihnen?“ kam es gedämpft durch die Tür.
„Bei mir ebenfalls! Morgen muss ich ein paar Leute besuchen, da sollte ich den Bürokram schon hinter mir haben!“
„Gott Heinrich, wenn das hier vorbei ist, drehe ich mir erstmal was Schönes Grünes!“
Als Frederik ihm dann schliesslich lauthals die letzte Stunde vor Mitternacht verkündete, wurde es ihm wirklich zu dumm und räumte seinen Pult auf. Sein Gewissen beruhigte er damit, dass er dreimal dieselben Unterlagen durchgeblättert hatte und nichts gefunden hatte. Trotzdem war da einfach dieses unheilvolle Gefühl, dass er etwas übersehen hatte.
Nicht ungewöhnlich war das trockene, obgleich erstarrend kalte Wetter. Schnee hatte man seit Anfang Dezember nicht mehr gesehen, doch es war eine eisige Nacht.
Heinrich beschloss, eine nette Bar aufzusuchen und erstmals eins zu trinken. Die Familie rechnete nicht mehr mit ihm – vielleicht würde es noch für eine knappe Überraschung reichen.
Ein Blick auf seine Uhr liess ihn etwas schneller gehen. Ein dreissig-Minuten-Bier würde sicher noch drin sein. Die grosse Menge hielt sich immer wieder jährlich auf dem Marktplatz auf, wo das ganz grosse Fest lief – ein Gebiet, das er auf jeden Fall meiden wollte, wenn er noch vor Mitternacht ein Bier trinken wollte. Der Marktplatz war gute elf Häuserblocks entfernt, doch schon von hier aus hörte man die laute Musik.
Mit den Partys hatte Heinrich bereits stolze fünf Monate vor seiner Hochzeit aufgehört. Er war nicht mehr der Jüngste, und mit zwei Kindern konnte er sich das nun gänzlich aus dem Kopf schlagen. So hatte Heinrich dazu entschieden, den Kindern ein guter Vater zu sein, obgleich das mit dem Trinken nicht immer ganz einfach war.
Nicht, dass Heinrich ein Alkoholiker war, er gab sich Mühe, über die Woche nicht zu trinken. Hätte er seine alten Konsumgewohnheiten beibehalten, wäre er nun nicht bei der Mordkommission.
Er war noch nicht weit vom Revier, als er Talik Golimi um eine Ecke biegen sah. Er schreitete geradewegs in Richtung Marktplatz.
„Wird sich wohl betrinken, nach dem, was passiert ist…“ dachte sich Heinrich, kam aber nicht über das Gefühl hinweg, das irgendwas nicht in Ordnung war. Golimis Gang war seltsam. Nicht langsam und bedrückt, ganz im Gegenteil. Er ging bestrebt, zielgerichtet, schon fast eilig.
Er schien den Kommissar noch nicht gesehen oder zumindest nicht bemerkt zu haben. Rasch knöpfte er seinen Mantel zu, griff nach seinen Zigaretten und schob die freie Hand in die Tasche – zumindest etwas sollte er nicht wie ein Beamter aussehen. Am Wichtigsten aber war seine Art zu gehen. Er verminderte sein Tempo und bewegte sich schlaffer. Leute mit einem wichtigen Beruf gingen immer fest aufgerichtet und selbstsicher. Es war kurios, wie sehr sich die Erscheinung eines Menschen veränderte, wenn er nur anders ging.
Nur war es etwas mühsam, Golimi auf den Fersen zu bleiben und gleichzeitig diese Gehweise beizubehalten.
Je näher sie dem Marktplatz kamen, umso mehr Leute waren unterwegs und Talik entging des öfteren Heinrichts Blick. Der Kommissar beschleunigte seinen Schritt, doch es wurde immer schwerer, den Verdächtigen nicht aus den Augen zu verlieren. Die Musik war nun sehr laut und die Menge fast völlig konstant.
„Warum zur Hölle sich hier besaufen, wenn man es auch sonstwo tun kann!?“
Doch es war längst klar, dass Golimi nicht deshalb hierher gekommen war. Vielleicht suchte er jemanden? Oder wollte jemanden abhängen? Verfolgte ihn noch jemand?
Für diese Frage war es jetzt zu spät, denn in diesem Getümmel würde Talik auch ihn nicht bemerken.
Sie traten auf den Marktplatz. Der grosse Turm mit dem prächtigen Uhrwerk ragte weit über dem Areal hinauf, direkt davor stand die Bühne, deren Boxen jeden Moment explodieren mussten, obgleich sie die klirrende E-Gitarre und die schrille Stimme der Sängerin ziemlich klar widergaben. Zwei riesige Bierzelte standen links und mitten im Marktplatz, an den Häusern rund herum wurden Maroni, Knoblauchbrote und der ganze restliche Schnick Schnack verkauft.
Talik!
Er hatte ihn aus den Augen verloren. Die Menge drängelte ihn hin und her, er kam kaum vorwärts. Kurz lichtete sie sich, doch von Golimi keine Spur.
Eine Weile suchte Heinrich weiter, doch schliesslich gab er es auf. Die Uhr, an deren Zeigern bunte Neonlampen angebracht wurden, zeigte halb zwölf.
Verärgert schnaufte der Kommissar, gab dann aber die Suche auf.
„Gut, genug für heute.“ Sagte er sich und sah sich auf dem Platz um, soweit das möglich war. Auf das Bier wollte er nicht verzichten, selbst wenn er zu spät Zuhause ankommen würde. Weit laufen wollte er nicht mehr, daher suchte er eine einigermassen gemütliche Bar auf, wo nicht zuviel Leute waren.
Es lag in einer Ecke am Marktplatz. Im Erdgeschoss war es völlig überfüllt, im ersten Stock aber waren noch vereinzelte Plätze frei. Er fand sogar noch einen Fensterplatz, von dem aus man einen hübschen Blick auf den Marktplatz hatte. Nicht, dass Heinrich noch glaubte, Golimi in der Menge zu sehen…
Resignierend liess er sich auf den Stuhl fallen. Hatte Golimi ihn vielleicht bemerkt und versucht, ihn abzuhängen? Eigentlich hätte er ihn nicht verlieren dürfen, er war nur für einen kurzen Moment unaufmerksam gewesen und sein Verfolgter hatte nicht einmal zurückgeblickt.
Das dritte Bier war im Anmarsch, Heinrichs Stimmung hatte sich etwas gehoben und es blieben nur noch dreihundert Sekunden bis zum Jahreswechsel. Er stierte hinaus auf die vielen Leute, die betrunken und heiter die Stunde Null erwarteten. Das zweitletzte Stück wurde auf der Bühne angestimmt. Lautes Klatschen im Takt, vermischt mit den harten Trommelschlägen hämmerte durch die Fenster der Bar. Die Laune liess den Boden vibrieren, elektrisierend stimmte die Gitarre mit ein.
Als das Lied geendet hatte, folgte der Countdown der letzten sechzig Sekunden. Selbst die Leute der Bar traten an die Fenster, um das Geschehen zu beobachten. Der Schlagzeugspieler der Band vollbrachte einen beeindruckenden Trommelwirbel mit stilvollen Soloinhalten. Das Ganze erreichte den Höhepunkt, als um Punkt 0 Uhr die Raketen aufstiegen und das Prachtwerk in Begleitung der E-Gitarre, die den Beginn des neuen Lieds einleitete, auf die Leute nieder rieselte.
Wäre man draussen gewesen, wäre der Beifall der Menge wohl ohrenbetäubend gewesen. In der Bar selbst explodierten Tischbomben, bunte Papierfetzen flogen überall durch die Luft. Die Menschen jubelten und jubelten… kreischten…
Kreischten.
Das war nicht mehr Freude, das war etwas anderes.
Sinneslähmende Schreie kamen vom Marktplatz. Heinrich sprang von seinem Stuhl und drängelte sich an den Leuten vorbei, um hinaus sehen zu können.
Da waren keine Terroristen, keine Bomben schlugen auf, niemand lag tot auf dem Boden.
Doch der ganze Marktplatz war plötzlich seltsam rötlich gefärbt. Es war kein Licht, das auf die Leute niederfiel. Alles auf dem Platz – die Leute, die Zelte, der Boden – war rot.
Heinrich stürmte aus der Bar. Verschwommen nahm er die Leute wahr, die an ihm vorbeirannten, um ans Fenster zu gelangen, völlig undeutlich kam ihm vor der Tür die Erinnerung, wie er hierher gekommen war, als er die kreischende Menge erblickte.
Er wollte es sich selbst nicht zugeben, dass das Blut war, das da überall auf dem Marktplatz verteilt war.
Überall.
Die Strasse, die Häuser, die Zelter, die Bühne, die Menschen. Überall Blut. Selbst die Zeiger der grossen Uhr leuchteten rot.
Heinrich stürzte beinahe zu Boden, als Leute an ihm vorbeirasten. Der Marktplatz war ein heilloses Durcheinander. Die Band auf der Bühne hatte ihr Stück längst abgebrochen und die Flucht ergriffen.
Und dann:
Eine tiefe Stimme, die durch den ganzen Platz dröhnte. Der Kommissar sah hinüber zur Bühne, wo jemand stand. Sehr viel konnte er nicht erkennen, denn er stand auf der anderen Seite des Platzes, doch die Gestalt trug schwarze Kleidung… nein, er war gänzlich schwarz, ein schwarzer Fleck um all das Rot herum.
„Zu diesem neuen Jahr gibt es neue Träume… blutige Träume. Ihr alle werdet einschlafen in einen Alptraum. Und wenn Ihr aufwacht, wird der nächste Alptraum auf Euch warten.“
Heinrich wusste nicht, was er da tat, als er zu rennen begann. Wer immer da auf der Bühne stand – er war gefährlich. Trommelschläge erklangen, doch im Moment dieser Situation machte es das Ganze zu einem fürchterlichen Schrecken. Mächtige, donnernde Schläge hallten durch den Marktplatz.
Nur allmählich räumte sich der Platz, denn die Leute behinderten sich heillos gegenseitig. Ständig wurde er umher geworfen von blutüberlaufenen, kreischenden und schreienden Gestalten. Er hatte die Orientierung verloren. Vermutlich war er inzwischen etwa in der Mitte des Platzes, als er jemanden sah, der nicht im Geringsten ins Schema passte.
Da war jemand in eine Kutte verpackt, die Kapuze tief über das Gesicht gezogen und keineswegs in Panik.
„Das ist jetzt wohl ein schlechter Scherz!“ schrie Heinrich und warf sich gegen die Gestalt.
Sie leistete kaum Widerstand. Sie fiel zu Boden und Heinrich sprang ihr nach. Ohne zu zögern riss er die Kapuze herunter und wollte in ein Gesicht blicken.
Da wollte er wohl zuviel.
Irgendetwas knackste in seinem Kopf, da merkte er, dass er sich soeben auf ein leeres Gewand ohne Besitzer gestürzt hatte.
Und plötzlich schienen die Leute einen Weg gefunden zu haben, denn immer schneller leerte sich der Platz. Bis er völlig allein da kniete, auf blutigem Boden. Die Bühne war leer – die Gestalt war verschwunden. Genauso wie der Besitzer des Gewandes, das er soeben angesprungen hatte.
Doch er musste nicht lange warten. Nur wenige Momente vergingen, als er Sirenen hörte.
_________________ Wenn ich nicht sein kann, was ich will, werde ich zu meinem Willen
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