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Foren-Übersicht » Die Geschichtenrubriken » Geistes- und Sozialwissenschaften » Gesellschaft

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Armut

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BeitragVerfasst: Sa 10. Jan 2009, 11:09 
Taschenbuch
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Mi 27. Sep 2006, 16:59

Beiträge: 582

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Schramberg
Armut

Erzählung von
Hans Werner


Eines Tages ging er fort. Er schloss die Tür hinter sich zu. Nur die Scheckkarte hatte er mitgenommen, weil er Angst hatte, Angst vor der Ungewissheit, dem Hunger, der allgemeinen Dürftigkeit. Schon jetzt schauderte ihn bei dem Gedanken, im Freien frieren zu müssen. Angehörige hatte er keine mehr. Sie alle waren ihm verstorben, hingeschwunden, wenigstens in seinem Gedächtnis. Ob sie in Wirklichkeit noch lebten, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Wie er durch die Straßen schlenderte, stolperte er über einen umgefallenen Mülleimer. Altpapier und faule Bananenschalen quollen heraus. Gerade konnte er sich selbst noch im Fallen auffangen.

Dann kam ihm eine alte Frau entgegen, deren Einkaufsnetz zerrissen war und aus einer halbgeöffneten Reistüte ständig Körner auf den Gehsteig rieseln ließ. Er tippte ihr auf die Schulter und wies auf die offene Einkaufstüte. Sie schaute ihn verwundert an und sagte:
„Die Vögel wollen auch etwas zum Picken haben.“
„Und Sie?“, fragte er zurück.
„Ich bin glücklich, wenn zu Hause die Tüte leer ist.“
Kopfschüttelnd ging er weiter.

Schließlich begegnete er einem vornehmen Mann im Nadelstreifenanzug, der einen Blumenstrauß in der Hand hielt. Weil er instinktiv spürte, dass dieser Mann ihm gesellschaftlich weit überlegen war, wich er ihm aus und drückte sich an die Hauswand. Doch der Mann warf einen verwunderten Blick auf ihn.
„Sie müssen mir nicht ausweichen. Vermutlich sind Sie reicher als ich.“
„Aber das kann doch nicht sein. Sie sind so vornehm angezogen.“
„Wohl trage ich einen feinen Anzug, aber ich habe meine Sprache und meinen Willen verloren. Die Blumen sind für mich die einzige Möglichkeit, mich zu artikulieren. Ich bringe sie jetzt meiner Frau, die seit Monaten nicht mehr mit mir spricht. Und ich habe auch nicht mehr die Kraft, ein Gespräch anzufangen.“
Das ist schlimm, dachte er und ging unschlüssig weiter. Der vornehme Mann indessen war stehen geblieben, sah ihm nach und schien nach Luft zu ringen.

Schließlich kam er in den öffentlichen Park, dessen große Eisentür weit offen stand. Der Seerosenteich war gerade am Gefrieren. Da sah er auf der Parkbank den alten Pfarrpensionär sitzen, den er aus früheren Jahren, als er noch regelmäßig die Messe besuchte, gut kannte. Er hatte einen bunten Stoff auf den Knien, an dem er beständig zupfte.
„Guten Tag, Hochwürden. Kennen Sie mich noch?“
„Ach Sie, ja gewiss, Sie gehören zu meinen treuen Schäflein.“
„Nein, ich bin aus der Herde ausgebrochen. Wölfe haben mich verjagt.“
Da quollen aus den Augen des Geistlichen plötzlich Tränen. Schluchzend sagte er:
„Nicht die Wölfe sind schuld, sondern der Hirte hat versagt. Ich war ein schlechter Hirte.“
Von Mitleid ergriffen, beugte er sich zu dem Geistlichen nieder und strich sanft über seine Glatze.
„Und was machen Sie jetzt hier?“
„Ich zerzupfe meine Messgewänder. Ich kann sie nicht mehr sehen, denn ich war dieser Kleider unwürdig.“
„Warum waren Sie ihrer unwürdig?“
„Weil ich gesündigt habe wider den heiligen Geist. Mein Körper war schon längst nicht mehr sein Tempel.“

Nach diesen Worten verließ er den Geistlichen und ging auf die nächste Sparkasse zu.
Dort hob er mit seiner Scheckkarte sein ganzes Guthaben ab und ließ es sich in kleinen Fünf-Euro-Scheinen auszahlen. Danach verstreute die Geldscheine auf der Straße, wobei ihn die Passanten neugierig und etwas belustigt beobachteten. Mit seinen Scheinen konnte er eine längere Wegstrecke pflastern und es kam ihm vor, als streue er Blumen für eine Fronleichnamsprozession. Manchmal blickte er zurück, dann sah er, wie ihm die Menschen kopfschüttelnd nachsahen und die Scheine eifrig auflasen.

Plötzlich zupfte ihn jemand am Ärmel: „Entschuldigen Sie, Sie haben etwas verloren“, und hielt ihm dabei einen Fünfeuroschein entgegen.
Hier aber begann unser Mann zu strahlen, seine Augen leuchteten in einem geradezu himmlischen, verklärten Licht und er sagte, unter Tränen des Glücks:
„Das ist nun das erste Geld, das mir wirklich gehört. Dank sei Dir, Du mein rettender Engel.“
Und mit überschwänglichen Dankesbezeigungen nahm er den Geldschein in Empfang, zog den wildfremden Mann an sich heran und küsste ihm die Stirn. Dann lief er mit jugendlich beschleunigten Schritten zu einem großen Gebäude am Rande der Stadt, auf dem in breiten Lettern „Armenküche“ geschrieben stand. Noch nie hatte ihm eine Mahlzeit so geschmeckt wie diese, die er dort für einen seiner letzten Euro erstand.


Zuletzt geändert von Hans Werner am Do 15. Jan 2009, 15:31, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: So 11. Jan 2009, 23:06 
Taschenbuch
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Mi 27. Sep 2006, 16:59

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Hallo Gernot,

zunächst danke ich Dir sehr herzlich für Deine Antwort, auch für Deine engagierte Reaktion auf meinen Text. Mir ist schon klar, dass er allen Realitätserfahrungen widerspricht. Vielleicht sollte man ihn in eine andere Rubrik verschieben. Das muss ich mir noch einmal überlegen. Auch ist der Text entstanden wie eine Skizze, und beim Schreiben folgte ich sehr spontan meinen Augenblickseinfällen. Hinterher, als dann alles da stand, wollte ich im Moment nicht mehr ändern, habe nur noch ein wenig sprachlich gefeilt und dann den Text so reingestellt. Der Aussagewert ist nicht realistisch, sondern symbolisch zu verstehen. Vielleicht können die einzelnen Bilder, so unwirklich sie sein mögen, doch auch zum Nachdenken anregen, etwas im Leser bewirken.

Ich werde aber Deine Hinweise sehr ernsthaft prüfen und doch das eine oder andere verändern, zum Beispiel die Sache mit der Brieftasche und den Geldscheinen. Vielleicht muss ich am Schluss noch irgendetwas Erklärendes hinzufügen. Das alles werde ich mir noch überlegen. Aber insgesamt freut es mich sehr, dass Dir mein Stil an sich zu gefallen scheint.

Die Sache mit dem Duzen ist mir unwillkürlich unterlaufen, weil ich hier den Menschen in seiner grenzenlosen Einsamkeit auf einen anderen Menschen treffen lasse, der als alter Mensch eigentlich ebenso einsam ist. Und dann stehen sie da, wie zwei Einzelwesen auf der ganzen Welt, und in dieser extremen Situation ist ein Du wohl möglich.

"Hochwürden" war in meiner Ministrantenzeit die gängige Anrede des Mesners an den Ortspfarrer. Es ist eine Anrede, die vielleicht heute nicht mehr üblich ist, vor einigen Jahrzehnten aber wohl. Und dann trifft es zusammen mit der Tatsache, dass der Protagonist in früherer Zeit Gemeindemitglied und Kirchenbesucher war.

Noch einmal vielen Dank für Deine Bemühung und für Deine Ratschläge.

Viele Grüße

Hans Werner


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BeitragVerfasst: Do 15. Jan 2009, 15:32 
Taschenbuch
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Hallo Gernot,

gerade habe ich den Text noch einmal überarbeitet und dabei einige Deiner Ratschläge verwendet.

Viele Grüße

Hans Werner


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BeitragVerfasst: Do 15. Jan 2009, 18:03 
Taschenbuch
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Hallo Gernot,

vielen Dank für Deine Antwort. Aber jetzt muss ich einfach zurückfragen. Ich kenne das Wort "sich erfangen" nicht. Was bedeutet es genau?

Viele Grüße

Hans Werner


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BeitragVerfasst: Di 03. Feb 2009, 13:17 
Taschenbuch
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Hallo Gernot,

für Deine Rückmeldung danke ich Dir sehr herzlich. Eigentlich war ich der Meinung, dass man es mit Deinem Schreiben bewendet sein lassen kann, aber soeben hat mir Soleil eine Nachricht geschickt mit der Bitte, auf jeden Fall den Empfang solcher Kommentare zu bestätigen. Das will ich hiermit tun. Und vor allem ist es interessant für mich, wie sich der Sprachgebrauch von Region zu Region unterscheiden kann.

Viele liebe Grüße

Hans Werner


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BeitragVerfasst: Fr 17. Jul 2009, 14:43 
Journal
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So 26. Apr 2009, 17:19

Beiträge: 325
Hallo Hans-Werner,

diese Geschichte von Dir habe ich sehr gerne gelesen. Besonders gefällt mir, wie Du das Thema von den fallenen Reikörnern am Ende mit den fallenden Geldscheinen wieder aufgreifst. Gut, unbedingt realistisch ist der Ablauf nicht, aber er hat was Philosophisches.

Ein paar Kleinigkeiten sind mir noch aufgefallen:

Zitat:
Danach verstreute die Geldscheine auf der Straße
da fehlt ein "er"


Zitat:
die er dort für einen seiner letzten Euro erstand
hier bin ich mir nicht wirklich sicher, aber Euros würde besser klingen.


Zitat:
Der Seerosenteich war gerade am Gefrieren.
eher Zufrieren, gefrieren würde einen Eisblock aus dem Teich machen ;)

Liebe Grüße
Sabine


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BeitragVerfasst: Fr 17. Jul 2009, 20:24 
Buch
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Uedem
hallo hans-werner...

am anfang fand ich deine geschichte sehr verwirrend. ich habe mit einer eher ernsthaften geschichte gerechnet, aus dem einfachen grund, dass sie in der rubrik gesellschaft steht. ich würde dir empfehlen, sie in die rubrik surrealismus zu verschieben. Diese art von geschichte passt hier nicht rein, sie verwirrt ein.

mir gefällt der kontrast zwischen dem surealen schreibstil und dem realen leben. in dieser kleinen, aber feinen geschichte stellt du verschiedene arten von armut da, das gefällt mir wirklich gut. ich kann nicht allzu viel zu deiner geschichte schreiben, das surreale ist eigentlich überhaupt nicht mein gebiet. ich konnte als kind und auch heute nichts mit alice im wunderland anfangen. ich bewege mich nicht ganz so gerne in diesem bereich. meiner meinung nach, ist diese geschichte auf jeden fall im falschen bereich. also, im allgemeinen finde ich die geschichte nicht schlecht, aber bewerten kann und möchte ich sie nicht, weil mir fast alle geschichten dieser art nicht zu sagen.

damit der leser weiß, was auf ihn zukommt, bevor er diese geschichte anklickt, würde ich sie verschieben lassen. so wirk sie transparenter und ist einfacher zu lesen.

liebe grüße
gummibär


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BeitragVerfasst: Fr 17. Jul 2009, 23:16 
Taschenbuch
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Registriert:
Mi 27. Sep 2006, 16:59

Beiträge: 582

Wohnort:
Schramberg
Hallo Gummibär,

vielen Dank für Deine Antwort. Aber ich muss der These widersprechen, die Geschichte sei surrealistisch. Sie ist nicht wahrscheinlich. Das stimmt. Aber es geht hier um Armut in verschiedenen Schattierungen. Die grellen Szenen sollen kurz die verschiedenen Arten von Armut antippen, die es in unserer Gesellschaft weiß Gott häufig gibt. Von den Szenen ausgehend, bleibt es dem Leser vorbehalten, sich die Art der Armut vorzustellen, die jeweils angesprochen wird. Sabine hat Recht, wenn sie sagt, dass die Handlung nicht realistisch ist, aber doch etwas Philosophisches hat. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Nur, unter Surrealistisch würde ich den Text niemals einordnen wollen. Denn das ist eine andere Gattung und der Leser wird dann zu sehr von der Realität abgedrängt. Die Geschichte soll aber, auch wenn die Handlung zuweilen unrealistisch ist, auf Reales unserer Gesellschaft hinweisen.

Herzliche Grüße

Hans Werner


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