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Foren-Übersicht » Die Geschichtenrubriken » Geistes- und Sozialwissenschaften » Gesellschaft

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Klassenfahrt nach Dachau

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BeitragVerfasst: Sa 29. Jan 2005, 16:02 
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Di 11. Jan 2005, 21:11

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Ich weiß nicht mehr ob das eine Idee von unserem Geschichtslehrer oder Politiklehrer war. Auf jeden Fall fuhren wir in der 10. Gymnasialklasse nach Dachau, um uns das Konzentrationslager Dachau anzuschauen. So tuckerte ein Reisebus mit knapp fünfzig Sechzehnjährigen der Gedenkstätte entgegen. Die Stimmung war ausgelassen. Zu diesem Zeitpunkt ist alles besser als Unterricht im Klassenzimmer.
Als wir aus dem warmen Bus stiegen kam uns die kalte Frühlingsluft entgegen, vielleicht 10 Grad und ein stahlblauer Himmel, doch die Sonne schien noch nicht genügend Kraft zu haben im März.
"Arbeit macht frei". Das Tor ist unverändert.
Die Jacke schließend betrat ich mit meinen Klassenkameraden den Hof und vor meinen Augen erschien ein riesiger Platz. Zum Appell. Der Wind pfiff über das Gelände und durch den Stoff der Jeans. Wir fröstelten leicht.
Wie bereits von den Lehrern im Bus angekündigt, waren wir zu einer Führung angemeldet. Die Dame erklärte ruhig und sorgfältig alle Einzelheiten: Die Erbauung, der Zweck, die ersten Häftlinge, die Masseninhaftierungen, die ärztlichen Experimente, die Tötungsmaschinerie, das heutige Museum. Alles schaute geknickt zu Boden. Die Bäume, die rund um das Gelände standen hatten noch keine Blätter. Die Anlage war gänzlich von Unkraut befreit. Kein Abfall, nicht mal eine Zigarettenkippe. Klinisch rein. Baracken gibt es keine mehr. Nur die Fundamente sind mit Bordsteinen umrandet und mit Kieselsteinen aufgefüllt.
Den Nachbau einer Baracke gibt es, symbolisch. Während der Besichtigungstour werden wir durchgeführt. Im Innenraum duftet es nach frischem sauberen Holz. Alles ist steril sauber, ein bisschen Staub liegt auf den Stockbetten. Die Fenster sind ordentlich verglast und abgedichtet. Die Dielen des Barackenbodens geben keinen Laut von sich und das helle Holz wirkt golden durch die einfallende Sonne.
Die Führung geht weiter zwischen dem Kies hindurch auf dem vollständig asphaltierten Wegen, geradewegs zu den religiösen Denkmälern, die so Fehl am Platz und überflüssig wirken. Hingestellt um vergessen zu werden. Sie stehen da und scheinen einen riesigen asphaltierten Platz abzugrenzen vom Rest der Welt. Wächter der Kieselsteine schießt es mir durch den Kopf. Die Führerin erzählt irgendwas, aber ich höre längst nicht mehr zu. Stattdessen schaue ich meine Mitschüler an, die entweder ein ernstes oder bestürztes Gesicht machen oder was ganz anderes. Einer hat die Walkman-Stöpsel in den Ohren und wippt zur Heavy Metall Musik. Der Himmel scheint grau. Mir ist kalt. Die Stille dieses Ortes wäre erdrückend, wenn man alleine hier wäre. Der Wind würde um die Wächter-Denkmäler pfeifen.
Als wir das Krematorium erreichen, stoßen wir auf eine weitere Führung. Ältere Menschen. Nicht viele, vielleicht zehn. Die meisten wollen sich die Öfen gar nicht erst anschauen. Sie bleiben draußen und warten. Ich folge den fünf Mädchen aus meiner und der Parallelklasse. Die nette Dame erzählt wie hier die Leichen der vergasten Häftlinge gestapelt wurden, wie am Schluss 3 bis 4 Leichen auf die Bahre gelegt wurden, die für eine Person gebaut war. Zwei der Mädchen fangen an zu heulen. Eine dritte stimmt ein. Eine alte Dame steht da und scheint zu beten.
"Gegen Ende waren die Öfen rund um die Uhr in Betrieb. Es wurde in Schichten gearbeitet. Sie müssen sich vorstellen, was das für eine Hitze und Gestank war." erklärte die Führungs-Dame.
"Wenigstens war es im Winter schön warm hier drin!" entfährt es mir.
Ich spürte die entsetzen Blicke auf mir ruhen. Das Schluchzen hört abrupt auf. Alles starrt mich an und keiner sagt etwas. Totenstille.
Ich verlasse den Raum ohne ein weiteres Kommentar.
Schon tuscheln die fünf Weiber hinter mir. Das Geläster ist eröffnet. Keine Träne zu sehen, nur Empörung in den Stimmen.
Wir werden in die Desinfektionsräume geführt. Es wird erklärt unter welchem Vorwand die Leute hier herein geführt wurden und wie das mit dem Gas funktionierte. Plötzlich werden die Türen geschlossen. Erneut fängt die eine oder andere an zu heulen. Was soll das?
Das Museum dürfen wir alleine anschauen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste die Hälfte meiner Mitschüler was für einen Spruch ich losgelassen hatte und bald würde es der Rest wissen, alles eine Frage der Zeit.
Das Museum ist erschreckend, nein es ist schockierend. Die Bilder scheinen die Zeit zurück zu drehen. Die Beschreibungen und Kommentare sind nur schwer zu glauben. Mir wird schlecht, als ich zu der Dokumentation der medizinischen Experimente komme. Entsetzt stehe ich vor dem Foto eines kleinen Mädchens, das interniert wurde und den ausgemergelten Körper eines Mannes, kurz nach der Befreiung.
"Hey Anne, was hast denn Du für einen Spruch losgelassen im Krematorium?"
Die Gegenwart ist wieder da. Ich löse mich von den Bilder und wende mich meinem Klassenkameraden zu. Hinter mir steht ein Grüppchen Jungs aus der Parallelklasse. Er ist über einen Kopf größer und verschränkt die Arme. Stiert auf mich herab und grinst. Alle anderen auch.
"Finde ich schon krass!" meint er weiter, die anderen grinsen immer noch.
"Wo hast Du das jetzt her?" will ich wissen.
"Spricht sich halt rum. Hast halt den Mund wieder mächtig voll genommen."
Extra laut gesprochen. Nun haben es auch die anderen mitbekommen. Alles gafft uns an, die Lehrer eingeschlossen. Drei der Heulsusen gesellen sich zu den Jungs.
Er streckt sich und wirkt noch größer. Ein selbstherrlicher Ausdruck erscheint auf seinem Gesicht.
"Findest Du das komisch oder wie?" setzt er an.
Die ach so mitfühlenden Damen aus der Parallelklasse fangen an zu kichern, was ihn nur im Handeln bestärkt.
"Wärst ein guter Nazi gewesen, damals Anne!" meint er laut.
Wut und Zufriedenheit steigen zugleich in mir hoch. Ich muss meine Fäuste ballen um nicht die Beherrschung zu verlieren.
"Ich nicht Reiner, aber Ihr alle mit Sicherheit!" versuche ich mit fester Stimme zu sagen.
Mein Blick wandert zu den Heulbojen. Keine schaut mir in die Augen, sondern weicht meinem Blick aus. Reiner stiert mich blöd an.
Ich wende mich wieder den Bildern zu und die Zeit wird zurückgedreht.
Vor meinem inneren Auge erscheint das Krematorium. Links neben den Öfen sind die Leichen gestapelt. Es stinkt. Ich trage eine Häftlingsuniform. Draußen schneit es. Minus 10 Grad. Zusammen mit einem Mithäftling fasse ich einen Leichnam an den Füssen. Sie sind leicht. Nur Haut und Knochen. Der Mund steht offen, einige Zähne fehlen. Wahrscheinlich Gold. Glatze. Nicht beschnitten. Jung. Die Nummer am Arm sieht aus wie neu auf der kalkweißen Haut. Wir legen ihn auf die Bahre und schieben die Körper in den Ofen. Der Gestank treibt mir die Magensäure in die Mundhöhle. Die Augen tränen nicht mehr. Keiner spricht. Meine Gedanken schicke ich nach Hause zu meinen Eltern, sonst werde ich noch wahnsinnig. Wieder und wieder höre ich die Stimme meiner Großmutter im Kopf: "Nur überleben! Einfach nur überleben!"

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Zuletzt geändert von Joko am Do 10. Feb 2005, 15:27, insgesamt 3-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Di 01. Feb 2005, 22:08 
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Hey Talon,

es freut mich sehr, dass Dir diese Story gefallen hat.

Die Geschichte ist bis auf das Ende wahr. Ich wurde wegen dieser Bemerkung sogar von dem Rektor unserer Schule zietiert.... Er hat aber am Schluss nichts machen können, aber das ist eine andere Geschichte :wink: .

Der Schluss ist von mir erfunden. Ich wollte der Geschichte eine Sinn geben, der realistisch ist und nach den Erzählungen meiner Großeltern ist es das auch.

LG
Joko

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BeitragVerfasst: Do 10. Feb 2005, 15:25 
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Hallo Soleil,

hm, den ersten Satz habe ich mit Absicht so "flapsig" formuliert. Ich wollte damit die vorherrschende Unbekümmertheit ausdrücken. Der Stilbruch war gewollt. Stört er wirklich so arg?

Die zwei Fehler sind korrigiert.

Ja, der Satz ist unpassend, aber eigentlich sehr real! Das ist ja das Schlimme an der Sache und das was nicht vergessen werden sollte. Aus diesem Grund habe ich das auch so radikal geschrieben. Dieser Satz sollte bitter aufstoßen und so kontrovers zur tatsächlichen Aussage sein. Man soll gesprochenes hinterfragen, bevor mal handelt und: So schnell kann einem ein Strick gedreht werden, wenn man seine Meinung frei äussert.

Erstaunt mich, dass es auf die so wirkt. Hm....

Ja in Dachau war ich tatsächlich und ich werde es nicht vergessen. Man hat uns sogar tatsächlich in einem der Duschräume eingesperrt, das war eine sehr ernüchternde Erfahrung und ich kann nicht leugnen, dass ich Angst gehabt habe.

LG
Joko

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BeitragVerfasst: Mo 14. Mär 2005, 13:29 
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Hey Joko,
Ich habe selten etwas zu diesem Thema gelesen, meist nur in der Schule oder in irgendwelchen politischen Berichten.
Das hier als Geschichte zu sehen, ist mir neu, ich weiß nicht ganz, was ich dazu sagen soll und ich glaube, ich habe das Ende nicht ganz verstanden... Ist Anne Jude? Kommt irgendwie so rüber, wegen den Gedanken an ihre Oma.
Ich fand den Spruch, den sie gebracht hat, gar nicht so tragisch. Und ich finde auch, dass die anderen bessere Nazis geworden wären. Weil sie eben ständig das gemacht haben, was von ihnen erwartet wurde. Die Tränen im Krematorium, die gespielte Bestürzung und all so was. Oder gar nicht erst zuhören. Perfekte kleine Mitläufer...
Vom Stil her war es sehr gut, fesselnd, spannend, vor allem das Ende sehr gut beschreiben, wenn auch ein bisschen schockierend. Keine Fehler (d.h. ich hab keine gefunden), außer das man „Metal“, also die Musik, die der eine hört, mit einem „L“ schreibt, anstatt mit zwei.
Alles Liebe, Lain


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BeitragVerfasst: Fr 01. Apr 2005, 22:35 
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Hallo,
ich kann mich der Meinung der vorherigen Kommentare nur anschließen: eine wirklich gute Geschichte. Bei allem, was mit KZs zu tun hat, steigt bei mir innerlich schon ein Grauen auf, weil ich mir dann eben genau das, was du zum Ende hin geschrieben hast, vorstelle. Und diese Vorstellung ist grausam. Genauso grausam wie die, dass all das Menschen zu verdanken ist. Menschen so wie du und ich. Das macht mir Angst, und man kann nicht sagen, dass sie ihrer Zeit entsprechend gehandelt haben, weil das, was sie getan haben, zeitlos falsch ist. Weiter will ich mich darüber nicht auslassen, sonst schreib ich hier die ganze Nacht durch.

Der Satz, den sie gesagt, wird mich wohl noch den ganzen Abend beschäftigen, weil ich überlegen werde, ob er in irgend einer Weise positiv zu stellen ist. Ansonsten schließ ich mich Soleil an, dass er komplett unpassend ist. Aber den Grund hast du ja schon erklärt.

Das wars von mir.
Gruß,
Libertine


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BeitragVerfasst: Do 06. Jul 2006, 10:08 
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Hallo zusammen,

vielen Dank für Eure Kommis. Endlich Zeit auch mal darauf zu antworten. Danke für das Lob.

@Lain
Zitat:
Das hier als Geschichte zu sehen, ist mir neu, ich weiß nicht ganz, was ich dazu sagen soll und ich glaube, ich habe das Ende nicht ganz verstanden... Ist Anne Jude?

Nein, ist sie nicht. Denn es geht hierbei nicht um Judesein oder Nichtjudesein, sondern die Tatsache, dass zur damaligen Zeit jeder hätte dort landen können, im KZ, nur durch eine kleine unbedachte Bemerkung.

Deswegen auch diese Stelle:
Zitat:
Wahrscheinlich Gold. Glatze. Nicht beschnitten. Jung.

Dieser Leichnam war nicht jüdisch. Es war irgendein Mensch, der vielleicht auch durch so einen Satz sein Schicksal besiegelt hat.

Zitat:
Ich fand den Spruch, den sie gebracht hat, gar nicht so tragisch.

Hm, ich eigentlich im ersten Moment auch nicht, aber diesen Satz habe ich in Dachau so gesagt und er hat mich vor das Pult des Schuldirektors gebracht… Seltsam nicht wahr?!

@Libertine
Zitat:
Der Satz, den sie gesagt, wird mich wohl noch den ganzen Abend beschäftigen, weil ich überlegen werde, ob er in irgendeiner Weise positiv zu stellen ist. Ansonsten schließ ich mich Soleil an, dass er komplett unpassend ist.

Unpassend? Eben das weiß ich nicht. Worum ging es damals den Menschen im KZ? Um nichts anderes als zu überleben! Mir fällt immer wieder ein Spruch in diesem Zusammenhang ein: Der Zweck heiligt die Mittel. Welche Chance hattest Du damals im Winter in einem KZ um zu überleben, wenn es draussen wirklich kalt war? Darüber sollte man nachdenken. Auch über den Willen des einzelnen zu Überleben. Hätten diese Überlebenden nicht den Willen aufgebracht, nicht diese Mittel genutzt um am Leben zu bleiben, wären vielleicht noch wenige da um zu berichten, erzählen, erinnern und mahnen.
Dies als Ansatz, vielleicht sogar Rechtfertigung.

Zum anderen wollte ich einfach zu Ausdruck bringen, wie einfach es ist Menschen zu manipulieren, einen Gruppenzwang zu schaffen und ein Feindbild. Dies alles mit einem Satz. Wie simpel und doch wirkungsvoll. Erstaunlich ist es doch wie einfach es doch heute noch funktionert obwohl so viel über Diskriminierung geredet wird und wie einfach man die freie Meinungsäußerung missbrauchen kann um jemanden anzuprangern.

Die Mitschüler haben über diesen Satz nicht eine Minute nachgedacht! Sie haben ihn voreilig in die Schublade Nazi geschoben. Wunderbar und an Oberflächlichkeit kaum zu toppen oder?

LG
Joko

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BeitragVerfasst: Do 06. Jul 2006, 11:55 
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Moin Joko,

klingt jetzt vielleicht komisch, aber genau dasselbe hab ich auch gedacht (nicht gesagt), als wir auf Studienfahrt das KZ Majdanek bei Lublin (Polen) besucht haben. Der Satz ist also nicht aus der Luft gegriffen, aber ich frage mich bis heute, ob der Gedanke nicht irgendwie falsch war, oder nicht. Ich habe noch keine Lösung gefunden... Wahrscheinlich sind die Ereignisse von damals einfach zu weit weg...
Die Geschichte hat mir jedenfalls gut gefallen, hätte auch in Alltag gepasst :icon_wink . Besonders gelungen fand ich die Beschreibungen der Baracken und die anderen Beschreibungen, bei denen du Worte verwendest, die zunächst erstmal wohlklingend sind, sinngemäß aber schreckliche Orte beschreiben.
Zitat:
Während der Besichtigungstour werden wir durchgeführt. Im Innenraum duftet es nach frischem sauberen Holz. Alles ist steril sauber, ein bisschen Staub liegt auf den Stockbetten. Die Fenster sind ordentlich verglast und abgedichtet. Die Dielen des Barackenbodens geben keinen Laut von sich und das helle Holz wirkt golden durch die einfallende Sonne.
-> Der Satz klingt richtig schön, man darf nur nicht daran denken, wie die Häftlinge in den Baracken gehaust haben. Aber so sehen die Baracken heute eben aus und das ist irgendwie ein Widerspruch, denn den Besuchern wird gar nicht klar, unter welchen Bedingungen die Menschen zusammengepfercht wurden. Diesen Widerspruch hast du gut herausgestellt *lob.

Mehr will ich eigendlich gar nicht sagen, stilistisch war die Geschichte sowieso gut.

Liebe Grüße nach Stuttgart,
Rolfsson :icon_lol


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BeitragVerfasst: Do 06. Jul 2006, 16:49 
Kompendium
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Sa 28. Mai 2005, 13:18

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Hallo Joko

Mir hat deine Geschichte gut gefallen, sehr gut.
Deine Geschichte ist eine Geschichte von der man weiß, dass sie einen sicherlich noch länger beschäftigen wird und die einen berührt hat. Mich zumindest.
Stilistisch hat sie mir sehr gut gefallen, hin und wieder schreibst du einen Satz in der Gegenwart, ´das machst du an Stellen an denen man das machen kann weil es allgemeingültig ist, aber ich persönlich hät es schöner gefunden, wenn das auch in der Vergangenheit gewesen wäre, weils einen nicht so aus der Geschichte rausgerissen hätte.
Aber gut, Geschmackssache.
Selber war ich bis jetzt nur in Buchenwald mit der Schule, ich kann mich nur noch an einen riesengroßen Platz erinnern, auf dem einfach nichts war außer ein Gedenkkreuz. Und obwohl ich wusste was hier passiert ist, hat es mich nicht so wahnissnig berührt. Gut, wir hatten keine Führung die uns das alles geschildert hat, aber dennoch fand ichs schlimm dass mich das nicht berührt hat, auch jetzt schäm ich mich ein bisschen deshalb.
Deinen Satz hast du ja schon genügend erläutert und dazu wurde auch schon genügend gesagt *g*, ich glaub, wenn das damals jemand gesagt hätte hätt ich gedacht dass derjenige zeigen will, wie "hart" und "taff" er ist und ihn unsympathisch gefunden *gg*
LIebe Grüße
Senfglas


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BeitragVerfasst: Sa 08. Jul 2006, 13:26 
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Do 10. Mär 2005, 12:22

Beiträge: 538

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Hallo Joko,

eine sehr gute und auch sehr wichtige Geschichte. Ich persönlich finde, dass man viel mehr über die schrecklichen Dinge, die damals in Deutschland geschehen sind, sprechen sollte. Nur verstehe ich nicht, warum man dabei - anders als bei sonstigen schrecklichen Themen - so sehr auf seine Wortwahl achten muss.

Annes Ausruf hat doch seine Berechtigung gehabt. Ich glaube, vielen der KZ-Inhaftierten war es zumindest ein kleiner Trost zu wissen, dass ihr Tod vielleicht nicht ganz umsonst war (und wenn es nur bedeutete, dass jemand anderes den warmen Mantel bekommen würde, oder aber durch die Wärme - so makaber das klingen mag - bei der Verbrennung überleben konnte.)

Warum sind wir alle eigentlich so sensibilisiert, wenn es um das Thema Nationalsozialismus geht? Warum halten wir unsere ehrlichen Meinungen und Gefühle zurück und verpacken sie stattdessen in Worte, die nicht zu 100% das wiedergeben, was wir eigentlich fühlen oder sagen wollten?
Haben wir wirklich so viel Angst (und ein so schlechtes Gewissen ob unserer Vergangenheit), dass einmal eine Aussage falsch interpretiert werden könnte? Na und? Umso mehr hätte man Anlass über das Geschehene zu sprechen und zu diskutieren.
Zweifel aus der Welt zu schaffen.

Die deutsche Vergangenheit ist ein wichtiges Thema, das man sich immer wieder vor Augen führen muss und das auch nicht in Vergessenheit geraten darf. Aber unterstützen wir das dadurch, dass man nicht frei über das Thema spricht, sondern stets nur im Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand? Auch andere Länder haben in ihrer Geschichte dunkle und schreckliche Kapitel. Es scheint jedoch, dass nur die Deutschen immer wieder aufs Neue Angst haben, sofort - aufgrund einer Meinungsäußerung - als Nazi abgetan zu werden.

Man sieht das auch immer wieder in der Politik. Sobald ein Politiker das Tabu-Thema tangiert, verlangt man sofort - ohne nachzudenken - dessen Rücktritt. Die Welt könnte ja denken, wir alle seien noch immer Nazis und antisemitisch eingestellt.
Beispiel:
Möllemann hat damals angedeutet, dass irgendwann mal (in der 5. Generation nach dem Holocaust) Schluss sein muss mit den Reparationszahlungen (was nicht bedeuten soll, dass man die Geschichte vergisst). Möllemann hat damit der Mehrheit der Deutschen aus der Seele gesprochen (weil durch die damit eingesparten Milliarden Euro andere Finanzlöcher gestopft werden könnten), doch offiziell gab sich jeder sofort empört: "Was?! Wir Deutschen wollen die getöteten Juden vergessen?!" (Obwohl das niemals gesagt wurde).
Vielleicht sollte man einfach mal seine Scheu ablegen, wenn das schreckliche Thema unserer Vergangenheit zur Sprache kommt, und genau hinhören, was gesagt wurde, und auch versuchen, die Zusammenhänge und Hintergründe des Gesagten zu verstehen.

Insofern spiegelt deine Geschichte und das beschriebene Verhalten der Personen darin ganz genau die Verhaltensweise der Deutschen im Allgemeinen wieder.

Liebe Grüße
Mike


P.S.: Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Kommi nun auch eine Woge des Entsetzens nach sich zieht, weil ich ja meine Meinung kund tue, dass auch ich für ein Stopp der Reparationszahlungen wäre. Ja, diese Meinung habe ich. Nichtsdestotrotz verurteile ich aber gleichsam was unter den Nationalsozialisten in Deutschlang geschehen ist.


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BeitragVerfasst: Mo 17. Jul 2006, 16:01 
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Hallo zusammen,

vielen lieben Dank für Eure Kommis. Das Thema ist wirklich nicht einfach.

@ Rolfsson
Zitat:
klingt jetzt vielleicht komisch, aber genau dasselbe hab ich auch gedacht (nicht gesagt), als wir auf Studienfahrt das KZ Majdanek bei Lublin (Polen) besucht haben. Der Satz ist also nicht aus der Luft gegriffen, aber ich frage mich bis heute, ob der Gedanke nicht irgendwie falsch war, oder nicht. Ich habe noch keine Lösung gefunden...

Seltsam nicht wahr? Ist es vielleicht zu weit weg, das Geschehene meine ich. Ein Lösung finden ist auch nicht wirklich einfach. Bin mir noch nicht mal sicher ob man das kann, als jemand, der diese Zeit nicht miterlebt hat. Was zu Friedenszeiten verpönt ist, wird in Kriegszeiten zur Normalität. Die Frage ist doch, warum sich heute für so eine Aussage rechtfertigen? Beleidigend ist sie nicht. Diskriminierend auch nicht. Angreifend auch nicht. Was ist denn an dieser Aussage denn unpassend? Wenn man wahrlich darüber nachdenkt, eigentlich nicht wirklich viel….

@Senfglas
Zitat:
Selber war ich bis jetzt nur in Buchenwald mit der Schule, ich kann mich nur noch an einen riesengroßen Platz erinnern, auf dem einfach nichts war außer ein Gedenkkreuz. Und obwohl ich wusste was hier passiert ist, hat es mich nicht so wahnissnig berührt. Gut, wir hatten keine Führung die uns das alles geschildert hat, aber dennoch fand ichs schlimm dass mich das nicht berührt hat, auch jetzt schäm ich mich ein bisschen deshalb.

Über diese Aussage bin ich gestolpert und ich finde sie aufrichtig und ehrlich. Dies ist auch das, was in der Geschichte steckt. Waren es nun wirkliche Tränen der Mitschülerinnen oder nur geheuchelt. Scham wofür, nicht das nachempfinden zu können, was dort geschehen ist? Wir können es nicht. Keiner der dort war, wird es jemals können. In diesem Punkt denke ich gibt es nichts wofür man sich hätte schämen müssen.

@mystic-mike
Zitat:
Warum sind wir alle eigentlich so sensibilisiert, wenn es um das Thema Nationalsozialismus geht? Warum halten wir unsere ehrlichen Meinungen und Gefühle zurück und verpacken sie stattdessen in Worte, die nicht zu 100% das wiedergeben, was wir eigentlich fühlen oder sagen wollten?
Haben wir wirklich so viel Angst (und ein so schlechtes Gewissen ob unserer Vergangenheit), dass einmal eine Aussage falsch interpretiert werden könnte? Na und? Umso mehr hätte man Anlass über das Geschehene zu sprechen und zu diskutieren.
Zweifel aus der Welt zu schaffen.

Du sprichst mir aus der Seele. Ich denke, dass sehr viel versäumt wurde in der Vergangenheit. Wenn ich noch an meine Schulzeit zurück denke, wie das Thema behandelt wurde, packt mich im nach hinein das Grauen. Wenn ich daran denke, wie Lehrer und Schüler, aber auch Eltern mit diesem Teil der Geschichte umgehen, dann muss ich mich manchmal wirklich zusammenreißen.
Ein Feldversuch (das Wort Feldversuch ist bei Rolfsson geklaut ;)) ohne gleichen: Man stelle sich in einer Großstadt mal in die Fußgängerzone mit einem Schild „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein.“. Was wohl passieren wird?
Dies habe ich nicht getan, aber den Satz in einer Diskussion mit sehr guten Freunden gesagt. Prompt kam die Frage: Worauf denn? Auf Nazideutschland? Schon komisch, als ob Deutschland an sich nur aus wenigen grausamen Jahren Geschichte bestehen würde. Alles was davor war, alles was danach passiert ist, wird in den Köpfen weggeblendet. Sehr seltsam.
Man möge nach Wien reisen und mal den Burghof mit den Statuen genauer unter die Lupe nehmen. Man käme aus dem Staunen nicht mehr raus, aber das nur am Rande.

LG
Joko

P.S. Auch ich bin mir voll und ganz bewusst, dass meine Meinung hier auf Widerstand und Ablehnung stoßen kann. Ich bitte an dieser Stelle zu bedenken, dass ich hier in keiner Weise Menschen auf Grund Ihrer Herkunft, Religion oder anderer Eigenschaften diskriminiere. Seltsam allein die Tatsache, dass ich mich fast gezwungen fühle, dies hier schreiben zu müssen.... ;-)

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BeitragVerfasst: Sa 22. Dez 2007, 15:50 
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So 21. Jan 2007, 15:51

Beiträge: 50
Hallo Joko,
ein schweres Thema, zu dem du geschrieben hast.
Erstmal finde ich deine Geschichte realistisch, besonders, dass manche Menschen nicht gelernt haben, einen solchen Ort wie dieses KZ zu würdigen.
Auch das Reiner, am Ende der Verlierer des Dialogs ist, finde ich gut, das zeigt doch nur, dass der Gruppenzwang, hinter dem er sich hier versteckt, das eigentliche Übel war und leider immer noch ist.
Insgesamt gefällt mir deine Geschichte, nur ist Dachau ein KZ gewesen, kein Vl! Demnach war es nicht auf Vernichtung und Tötung im großen Sinn aus. Deswegen ist es geschichtlich nicht ganz richtig von einer "Tötungsmaschenerie" zu sprechen.

Lg,
Kreativer Schreiber


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BeitragVerfasst: Mo 07. Jan 2008, 17:03 
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Hallo Kreativer Schreiber,

vielen Dank für Deine Kritik und das Lob. Schön, das Dir die Wendung aufgefallen ist. Doch es ging viel mehr um die "geheuchelte" Teilnahme und zu zeigen, wie schnell man ins Gerede kommt. Heute vielleicht nicht mit entsprechenden Folgen.

Zitat:
nsgesamt gefällt mir deine Geschichte, nur ist Dachau ein KZ gewesen, kein Vl! Demnach war es nicht auf Vernichtung und Tötung im großen Sinn aus. Deswegen ist es geschichtlich nicht ganz richtig von einer "Tötungsmaschenerie" zu sprechen.

Doch ich denke schon. In Dachau sind die Inhaftierten systematisch vergast worden. Wenn man eine Führung macht wird einem das in den "Duschräumen" auch erklärt und für angemeldete Schulklassen gibt es dann auch immer den Buh-Effekt, das die Türen kurz geschlossen werden. Sehr authentisch...
Zwar war Dachau nicht auf die Massenvernichtung ausgelegt, doch gut genug organisiert, um Tausende zu töten. Was also spricht gegen das Wort Tötungsmaschinerie? Verstehe das jetzt nicht so ganz.

LG
Joko

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