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Foren-Übersicht » Die Geschichtenrubriken » Geschichten: Fiktion » Science Fiction » Science Fiction - Fortsetzungen

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Gerhard Kemme (1)

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BeitragVerfasst: Do 03. Aug 2006, 07:24 
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Mo 18. Jul 2005, 19:20

Beiträge: 38

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Hamburg
DIES IST EINE AUTOBIOGRAPHIE, DIE 1945 BEGINNT UND IM JAHRE 2945 ENDET.

Es war September 1945. Der 2. Weltkrieg in Deutschland war beendet und Flüchtlinge strömten zurück nach Hamburg. Eine junge Mutter presste ihre Tochter an sich und wollte die südliche Elbbrücke überqueren. Dem britischen Korporal am Checkpoint unter den Backsteintürmen war Mitleid strickt untersagt worden. "Haut ab!" Nur Trucks der Alliierten durften die Brücken überqueren. Kurz bevor die junge Mutter resignierte, zogen andere Flüchtlinge sie unbemerkt auf die Ladefläche. Wenig später klopfte sie an die Wolldeckentür ihrer Mutter: "Darf ich reinkommen?" "Endlich!" Zur selben Zeit rumpelte ein Kohlenzug aus Gelsenkirchen durch die Nacht. Im Bremserhäuschen saß zusammengekauert ein hagerer Mann im zerschlissenen Wehrmachtsmantel. Kurz vor Hamburg sprang er ab, schwamm durch die Elbe und kam wenig später in der gleichen Wohnung an.

Am 26. Juli 1948 wurde ich dann geboren. Nach dem Holzspielzeug im Kindergarten kam die Schulzeit mit vielen Chemie- und Physik-Experimenten. Später stand dann Rechnen auf dem Stundenplan und Bauteile fürs Radiobasteln auf dem Wunschzettel. Während der folgenden Elektrolehre lernte ich Metallverarbeitung und Schaltschrankbau. Wenn man schon hin muss, dann wird man Zeitoffizier, acht Jahre lang mit hartem Hut. Nach dieser Soldatenzeit folgte ein Lehrerstudium. Ich heiratete und wurde Vater, unterrichtete als Lehrer, arbeitete als Elektriker und tippte Kurzgeschichten. Irgendwann gründete ich die "No Normalo Partei".

Das Manifest dieser neuen politischen Kraft galt als Sensation: Technik, Diskurs und Erkenntnis ebneten den Weg an die technokratische Macht. Der Staatsaufbau war übersichtlich wie vom Reißbrett konstruiert und sehr durchsetzungsstark. Nie war die Polizei- und Justizdichte in der Großregion Europa höher. Es gab keinen Knast mehr, dafür aber die gerechte unschädliche Prügelstrafe. Jeder hatte Wohnung und Arbeit. Meldung und Überwachung ersetzten Manipulationen. Nur mit Zweitjobs und Überstunden konnte das Raumfahrtprogramm bewältigt werden. Diese neue Gesellschaft hatte eine Staatsreligion: Als Gott wurde ein übergeordnetes Hypersystem verehrt. Alle anderen Religionen, Philosophien und freimaurerischen Vereinigungen praktizierten nur noch in öffentlichen Versammlungen und Gottesdiensten. Die Besiedelung von Planeten des Sonnensystems schuf personelle Ressourcen und beschleunigte den Fortschritt rasant. Auch die Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit war bald kein Thema mehr und ließ die Besiedelung von Planeten in der Nähe ferner Fixsterne zu. Da es möglich wurde, organisches Gewebe zu züchten, konnten biologische Lebewesen fabrikmäßig gebaut werden. Dann der Durchbruch, man erlangte die Fähigkeit, geistig in künstlichen Intelligenzen zu leben. Einige checkten sich beispielweise in moderne Roboter ein. Es war ein Super-Gefühl gleichzeitig in einem Transplantations-Körper, einem Roboter und in sich selber zu sein.

Im Jahre 2038 starb mein Geburtskörper. Bei der Beerdigung war ich natürlich zugegen. Vom Bestattungs-Unternehmer hatte ich mir einen herrlichen Kampfroboter mit silberner Fangschnur, Ordensspangen und einer Kalaschnikow ausgeliehen. Die letzten Blumen warf ich selber auf mein Grab. Dann noch eine Salve und ich war in einer neuen Zukunft ohne alter Hülle gelandet.

Wieder ein Neuverfahren: Die Entwicklung alternativer Datenverarbeitung schuf völlig absurde Lebensmöglichkeiten. Informationsverarbeitung konnte unsichtbar im freien Weltraum durch interagierende Schwingungen realisiert werden. Dies waren die sogenannten Frequenz-Computer. Da die Menschen inzwischen in Rechnern geistig heimisch waren, konnten Leute sich auch in solche Computer-Welten geistig einnisten. Viele prophezeiten es, einige rechneten es aus: Irgendwann würde das eigene Hypersystem ein zweites nicht kompatibles berühren. Es kam dann schlimmer als erwartet: Großkatzen sprangen plötzlich aus dem luftigen Nichts und packten sich quer über irgendwelche Straßen oder lümmelten sich auf den Hausdächern. Manchmal reckten sie auch nur eine Pfote aus der Wolke oder steckten ihre Rübe aus dem Nebel. Ich klinkte mich auf dem Sirius in einen nostalgischen Frequenz-Computer ein und erholte mich vom Katzenstress. So sitzt der Autor also im Jahre 2945 vor dem simulierten Internet und hört Oldies aus den 70er und 80er Jahren.


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Re: Gerhard Kemme (1)

BeitragVerfasst: So 06. Aug 2006, 10:33 
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So 24. Apr 2005, 21:31

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Hallo Gerhard Kemme,

Zitat:
DIES IST EINE AUTOBIOGRAPHIE, DIE 1945 BEGINNT UND IM JAHRE 2945 ENDET.
Klingt nach einem gewagten Vorhaben, ich weiß nur nicht, ob ich bis zur Beendung der Autobiographie im Jahre 2945 warten kann. *gg

Zitat:
Es gab keinen Knast mehr, dafür aber die gerechte unschädliche Prügelstrafe.
Für mich weder gerecht, noch unschädlich. icon_sad

Zitat:
Nur mit Zweitjobs und Überstunden konnte das Raumfahrtprogramm bewältigt werden.
Was sollen "Zweitjobs" in diesem Zusammenhang sein?

Zitat:
Alle anderen Religionen, Philosophien und freimaurerischen Vereinigungen praktizierten nur noch in öffentlichen Versammlungen und Gottesdiensten.
Verstehe ich nicht. Heißt das es gibt sie noch, oder es gibt sie nur noch alibi-mäßig?

Zitat:
Im Jahre 2038 starb mein Geburtskörper. Bei der Beerdigung war ich natürlich zugegen. Vom Bestattungs-Unternehmer hatte ich mir einen herrlichen Kampfroboter mit silberner Fangschnur, Ordensspangen und einer Kalaschnikow ausgeliehen. Die letzten Blumen warf ich selber auf mein Grab. Dann noch eine Salve und ich war in einer neuen Zukunft ohne alter Hülle gelandet.
Klingt ja cool.


Klingt für mich sehr negativ. Wie eine Variation von "1984", bissl gemischt mit - keine Ahnung, wie ich es nennen soll - Cyber(?)-Elementen...
Also leider kann ich nicht behaupten, dass ich verstanden hätte, worauf Du mit Deiner Geschichte hinaus willst. Besonders der letzte Teil mit den Großkatzen (??). Was soll das?
Wäre für afklärung sehr dankbar.

Gruß
Shadow

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BeitragVerfasst: So 06. Aug 2006, 13:23 
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Mo 18. Jul 2005, 19:20

Beiträge: 38

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Hallo Shadow of Dawn,
der Text versucht die Denkwelt seines Autors zu skizzieren - niemand darf erwarten, dass die konkrete Geistkonstruktion eines anderen Subjekts seiner eigenen entspricht. Wer dies annimmt, setzt einfach die veröffentlichte Meinung als Bewusstsein der Bevölkerung schlechthin.
Was der Tod ist, wissen vermutlich die wenigsten - ich jedenfalls nicht. Selbstverständlich vergeht die biologische Hülle, doch der Geist könnte bleiben, so wie das Window-Programm allgemein, wenn irgendwo die System-Diskette in den Abfall wandert. Vielleicht wird es einmal eine Selbstverständlichkeit sein, das Jahr 2945 zu erreichen - es gibt viele religiöse Schriften, die auf eine Fortexistenz nach dem biologischen Tode hinweisen.
Es gibt viele Ansätze für Gesellschaftsordnungen - sie können traditionell, irrational, feudal sein, etc. - hier wird die Entfaltung einer pur rationalen menschlichen Ordnung beschrieben, die somit dem technischen Zeitalter angemessen ist. Wenn da von Prügelstrafe die Rede ist, dann soll sie ja die Freiheitsstrafe ersetzen und ohne gravierende Gesundheitsschädigung erfolgen - was da besser ist, müssten Erfahrungen zeigen. Jedenfalls könnte ich mir einen Abschreckungseffekt vorstellen.
Die Menschheit hat das Ziel, andere Planeten zu besiedeln. Im Gegensatz zu einer Menschheit unter der Geissel der Armut und Arbeitslosigkeit, gab es nunmehr eine Überbeschäftigung, um alle Raumfahrtprogramme und die Anwendung neuer Technologien realisieren zu können, d.h. jedem wird gut entlohnte Arbeit in Hülle und Fülle angeboten.
Die alte Ordnung wird festgezurrt durch Organisationen, die sich hermetisch gegen Nichtmitglieder abschotten, d.h. man kommt nur über "Stufen" in eine höhere Handlungsebene. In dem hier gedachten Technokratischen System erhalten die Religionen einen religiösen Platz - keinen politischen - warum sollte die Praktizierung von Religion nicht öffentlich sein? Da in diesem politischen System alle Grundsätze nur Anfang eines permanenten öffentlichen Kommunikationsprozesses darstellen, könnte sich dann etwas ganz anderes als "vernünftig" durchsetzen. Insofern gibt es selbstverständlich die Religionen noch - aber ohne verdeckte politische Ambitionen.
Die Beerdigung des biologischen Körpers halte ich in einigen Jahrzehnten durchaus für machbar. Im Prinzip geht es darum, einzelne Gehirnpartien durch Mikrochips zu ersetzen, bis nach dieser "Salami-Taktik" der gesamte Körper und Geist künstlich ist.
Wo ist das "Negative"? Es werden die Interessen aller gewahrt - jeder kann mitbestimmen - wohin es gehen soll - allerdings , wird ihm widersprochen, wenn er nur sein eigenes Wohlergehen sieht. Der Mensch kann - wenn es mit ihm überhaupt weitergehen soll - nicht immer nur das Individuum denken, sondern sollte versuchen seine Spezies einschliesslich der Kreatur und Flora und Fauna ins Universum auszudehnen - damit wäre sein Überleben nicht an diesen Planeten geknüpft und er könnte sich dann unbeschränkt vermehren. Vorraussetzung einer solchen Ausbreitung wäre nun einmal die Fähigkeit, auch sehr schnelle Raumschiffe mit hoher Beschleunigung zu nutzen, d.h. es wären "Roboter-Menschen" notwendig. Es ist immer die Frage, wer ein enges Überwachungssystem betreibt. Es gibt in diesem Entwurf ja vier Gewalten: Judikative, Exekutive, Legislative und öffentliches Diskussionsforum, d.h. es ist direkte Demokratie mittels der vorhandenen technischen Möglichkeiten verwirklicht: Jeder ist erfasst, hat sich individueller Kontrolle zu stellen und kontrolliert jeden - dies soll Manipulation ausschliessen. Die Begrenzung von Gut und Böse nach unten und oben, wäre Gegenstand der Diskussion, jeder kann jeden wegen eines Fehlverhaltens anklagen und bei Bestätigung eines solchen Verhaltens dessen Prügelstrafe bewirken.
MfG Gerhard Kemme


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BeitragVerfasst: So 06. Aug 2006, 17:18 
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Nocheinmal hallo,

Deine Antwort war ja sehr ausführlich...

Zitat:
der Text versucht die Denkwelt seines Autors zu skizzieren - niemand darf erwarten, dass die konkrete Geistkonstruktion eines anderen Subjekts seiner eigenen entspricht.
Das war klar. Niemand kann seiner subjektiven Perspektive entkommen und ob andere die jeweiligen Perpekitiven verstehen können ist die Frage, aber man kann immerhin versuchen sie nachzuvollziehen.
Ich glaube letztlich sollte dieses auch für Texte/Storys gelten. Man schreibt (wenn man veröffentlicht) sicher ein wenig mit der Absicht von anderen gelesen zu werden, in dieser Hinsicht vertrete ich die Meinung, dass ein Autor versuchen sollte es seinem Leser möglich zu machen zumindest die "Grundannahme" seiner Story (wenn auch nicht in allen Einzelheiten) zu verstehen.

Zitat:
Es gibt viele Ansätze für Gesellschaftsordnungen - sie können traditionell, irrational, feudal sein, etc. - hier wird die Entfaltung einer pur rationalen menschlichen Ordnung beschrieben, die somit dem technischen Zeitalter angemessen ist.
Pur rational? Da muss ich mich ernsthaft fragen, ob es soetwas überhaupt geben kann. Wo wor grad oben über individuelle Geisteskonstruktionen geredet haben, kann es da eine universell rationale menschliche Ordnung geben?

Zitat:
Wenn da von Prügelstrafe die Rede ist, dann soll sie ja die Freiheitsstrafe ersetzen und ohne gravierende Gesundheitsschädigung erfolgen - was da besser ist, müssten Erfahrungen zeigen. Jedenfalls könnte ich mir einen Abschreckungseffekt vorstellen.
Spätestens wenn Menschen einem Roboterkörper oder gar, ganz körperlos, in ein einer Art Cyber-Space existieren, dürfte diese Art der Strafe ihren Sinn verlieren.

Zitat:
Es werden die Interessen aller gewahrt - jeder kann mitbestimmen - wohin es gehen soll - allerdings , wird ihm widersprochen, wenn er nur sein eigenes Wohlergehen sieht.
Also Unterordnung der individuellen Bedürfnisse zum Zweck eines Gemeinwohls?
Hier fühle ich mich grad in meine Politik-Vorlesungen zurück versetzt, in denen u.a. Thomas Hobbes "Leviathan", oder auch J.J. Rousseau und andere meist schon tote Leute behandelt wurden, die sich nicht nur über die "Natur des Menschen", sondern auch über die geeignete Staatsform Gedanken machten...
Wie es scheint vertrittst Du eine recht positive Einstellung zur menschlichen Natur, oder zumindest bist Du der Ansicht, dass sich die Menschen dahingehend [Zitat: "nicht immer nur das Individuum denken, sondern sollte versuchen seine Spezies einschliesslich der Kreatur und Flora und Fauna ins Universum auszudehnen"] entwickeln sollten.

Zitat:
Jeder ist erfasst, hat sich individueller Kontrolle zu stellen und kontrolliert jeden - dies soll Manipulation ausschliessen.
Und da fragst Du, wo das Negative ist? Vollständige Kontrolle eines jeden durch jeden... Für jemanden wie mich, dem der Schutz der persönlichen Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit sehr wichtig ist, klingt das schon negativ. Zumal ich, wie oben schon angedeutet der menschlichen Fähigkeit zur puren Rationalität - hier unterstelle ich, dass dabei die Abkehr von jeglichem Machtstreben oder negativer Absichten enthalten ist - mehr als skeptisch gegenüber stehe.

Soweit erstmal meine Gedanken zu Deiner Antwort.

Gruß
Shadow

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