|
Nachdem der Tod euch schied
Völlig lautlos weht sie auf das dunkle Schloss zu, dessen leere Fensterhöhlen sie vorwurfsvoll anstarren. Es ist sehr dunkel, da dicke Wolken den Blick auf den Vollmond verwähren. Der Wind rauscht in den Tannen und flüstert leise vor sich hin.
Sie verschwindet durch das alte, schmiedeeiserne Portal der Burg, schwebt durch die riesige, mit edlen Teppichen ausgelegte Eingangshalle, lässt ehemals glänzende Rüstungen und eine langen staubbedeckten Konferenztisch hinter sich und gleitet eine schmale Treppe hinunter.
Die Stufen sind alt und ein bisschen ausgetreten und ein erster Hauch Feuchtigkeit dringt bis hierher. Doch sie stört das nicht.
Am Fuß der Treppe biegt sie in einen breiten Korridor ein. Die Fackeln an den Wänden verbreiten nur schwaches Licht, doch es reicht, um sich von den Blicken der Ahnen aus ihren Gemälden verfolgt zu fühlen.
Völlig unerwartet huscht sie rechts in einen fast unsichtbaren, unbeleuchteten Gang. Durch dessen schwere Eichentür gleitet sie einfach hindurch.
Sie schwebt die gewundene Treppe dahinter hinunter, die sie noch tiefer in den Bauch des Schlosses führt. Unbemerkt von ihr nehmen Kälte und Feuchtigkeit zu.
Die Wände des Ganges, den sie durchschwebt sind nackt und auch die Decke ist völlig schmucklos. Der Gang endet abermals in einer Treppe, deren Stufen schon Moos bewachsen sind und deren Geländer so morsch aussieht, dass man es lieber nicht anfasst.
Abermals betritt sie einen langen Korridor mit gewölbter Decke, der jedoch nicht mehr ganz so breit ist, wie die letzteren. Die einzige noch brennende Fackel verbreitet nur noch ein schwaches Licht. Die feuchte Luft riecht nach Moder und uralter Verzweiflung. Aus tieferen Gewölben hört sie ein noch sehr leises, todtrauriges, gesangähnliches Wimmern. Sie kennt diesen Gesang ebenso gut wie seinen Ursprung. Eine weitere geschwungene Treppe mit handgeklopften, ungleichen Stufen führt sie tiefer ins Nichts.
Das von Hoffnungslosigkeit angefüllte Klagen verdichtet sich mit jeder Stufe, die sie hinter sich lässt mehr und mehr zu einer klaren Melodie, wodurch es jedoch nichts seiner wehklagenden Düsternis einbüßt; im Gegenteil, sie wird dadurch immer mehr verstärkt und ist schließlich zu einem herzzerreißendem Lied angeschwollen. Am Ende des Ganges, den sie jetzt entlang schwebt liegt endlich das Ziel ihres Weges. Bis auf das schwache Glimmen eines an den rohen Felsen geklebten Kerzenstummels ist es absolut dunkel.
Schließlich erkennt sie schemenhaft dicke, rostige Eisenstäbe am Ende des Ganges, hinter denen die absolute Finsternis wabert.
Dieses Verließ ist der Ursprung der Melodie, dessen Verzweiflung sich im ganzen Schloss eingenistet hat und noch im obersten Turm zu spüren ist.
Sie schwebt darauf zu.
Sie ist seit 1672 tot.
Lachend wirbelt die junge Frau ihre kleine Tochter an den Händen im Kreis herum. Die Kleine quietscht vor Vergnügen und Strahlt ihre junge Mutter glücklich an.
Die junge Frau ist barfuß und ärmlich gekleidet. Sie trägt einen hellbraunen Leinenrock, über den sie eine blass-rote Schürze gebunden hat, die schon mehr aus Flicken als eigentlichen Stoff besteht.
Ihre wunderschönen, dicken braunen Haare hat sie zu einem strengen Dutt zusammengebunden und hat ihn unter einem farblosen Kopftuch versteckt. Beim Spielen mit ihrer Tochter Martha hat sich eine glänzende Strähne aus dem Kopftuch gelöst und hängt ihr in die Stirn.
Sie wirbelt ihre blonde Tochter im Kreis umher bis ihr schwindlig wird und lässt sich dann mit ihr im Arm auf die Wiese fallen. Martha gibt immer noch vor Glück triefende Quietschlaute von sich und kugelt sich über die Wiese.
„Wann essen wir was, Mama? Ich hab’ Hunger.“ Sie krabbelt auf ihre Mutter zu und schmiegt sich an sie.
„Bald Martha. Bald kommt dein Vater wieder, der hat bestimmt einen leckeren Hasen geschossen, “ sie streicht ihrer Tochter liebevoll über den blonden Lockenkopf. „ Wenn du willst können wir bis Martin wiederkommt in den Wald gehen und Preißelbeeren für den Nachtisch sammeln.“
Martha nickt eifrig, springt auf und läuft in das kleine Haus um die Beerenkörbe zu holen.
Anna sieht ihr lächelnd nach.
Er richtet das Gewehr auf den grasenden Hasen, zielt und drückt ab. Das Aufquietschen des getroffenen Hasen verstummt augenblicklich und er fällt auf die Seite. Martin richtet sich mühsam hinter den Farnen auf. Er läuft über die Wiese packt den toten Hasen hinter den Ohren und betrachtet seinen Fang. Der Hase ist ein richtiges Prachtexemplar von dem er und seine Familie mit Sicherheit mehr als einmal satt werden können.
Er lässt den Hasen in seinem Sack verschwinden und macht sich auf den Weg nach Hause.
Als Martha ihren aus dem Wald stapfenden Vater erblickt lässt sie sofort davon ab, die Beeren, die sie mit ihrer Mutter gesammelt hat zu waschen, bricht in Freudengeheul aus und stürzt sich in die ausgebreiteten Arme ihres Vaters. Als Anna, die im Haus mit dem Decken des schmalen Holztisches beschäftigt ist, das Geschrei ihrer Tochter hört, tritt auch sie aus dem Haus. Martin lächelt sie stolz über Marthas Schulter an. Anna weiß sofort, dass ihr Mann endlich mal wieder Erfolg bei der Jagd hatte. Martin befreit sich zärtlich aus der Umarmung seiner Tochter, richtet sich auf und gibt seiner Frau einen Kuss.
Martha ist schon wieder mit den Beeren beschäftigt.
Gemeinsam nehmen sie den Hasen aus und häuten ihn. Es war ein richtiges Festmahl an dessen Ende alle fast schon zu satt für die gesammelten Beeren sind. Als auch diese vertilgt sind, kriecht Martha auf den Schoß ihres Vaters, auf dem sie fast augenblicklich einschläft.
Anna steht auf trägt ihre Tochter vorsichtig in ihr gemeinsames Schlafzimmer und legt sie behutsam ins Bett.
Nachdem sie Martha zugedeckt hat streicht sie ihr liebevoll übers Gesicht und bleibt noch kurz neben dem Bett stehen und betrachtet ihr Kind.
‚Wenn sie schläft sieht sie aus wie ein Engel, so friedlich…’
Auf einmal spürt sie wie sich die warmen, kräftigen Arme ihres Mannes um ihren Bauch legen. „ Sie ist so unglaublich schön, wenn sie schläft, es geht ein unwahrscheinlicher Frieden von ihr aus. Sie ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten- genauso schöne ebenmäßige Züge wie du!“ Anna lächelt. „ Danke.“ Haucht sie.
Über das Gesicht der Schlafenden Martha huscht ein Lächeln, und Martin wird ganz warm ums Herz. Auch Anna seufzt gerührt. Sie stehen noch eine Weile und betrachten ihr Kind. Nach einiger Zeit flüstert Anna: „ Komm, Liebling, lassen wir sie allein!“ Martin nickt. Leise verlassen sie das Zimmer und Anna schließt vorsichtig die Tür.
„Als ich heute auf dem Markt war, habe ich gehört, dass der König eine Frau sucht.“ sagt Anna zu Martin, an dessen Brust sie sich gelehnt hat.
„ Na, zum Glück bist du schon vergeben!“ Martin lächelt seine Frau aus seinen blauen Augen an und sie zwickt ihn zärtlich in die Wange.
Sie sitzen noch eine Weile so da und schließlich sagt Martin: „ Lass uns schlafen gehen, Liebes. Morgen ist die Nacht zu Ende und du musst doch deine Stickerei ans Schloss bringen, da musst du früh raus.“ Sie nickt und steht auf. Anna ist von Beruf Schneiderin. Weil sie dann bei ihrer Tochter bleiben kann; schließlich ist es bis zum Palast durchgesickert, welch hohe Begabung Anna im Sticken besitzt. Leise tappen sie ins Schlafzimmer und um ihre Tochter nicht zu wecken, löschen sie die Kerze schon vor der Tür.
Die Sonne geht gerade erst auf, doch Anna ist schon seit geraumer Zeit auf den Beinen. Der Rest ihrer Familie schläft noch, als sich Anna mit Küssen auf die Köpfe ihrer Lieben verabschiedet. Zweimal streifen ihre Lippen blonde Locken. Einmal die ihres Mannes, einmal die ihrer Tochter.
Mit einer Tasche, in der sich die Stickerei für den König Ludwig XlX.
Macht sie sich auf den langen Weg zum Schloss. Die Luft ist angenehm kühl und die Wiesen sind von Tau bedeckt. Die Welt wirkt, als wäre sie verzaubert. ‚ Das würde Martha gefallen, sie würde bestimmt überall Feen und Kobolde vermuten’ Bei diesem Gedanken muss Anna lächeln.
Ihre Tochter hat eine sehr große Fantasie und malt sich immer die wunderbarsten Dinge aus. Tautropfen sind für sie Feenküsse und der Mond ist ein Auge eines Riesen. Wenn sie manchmal vom Spielen im Wald zurückkommt, berichtet sie von kleinen Zwergen, mit denen sie eine Burg aus Herbstlaub gebaut hat und sie erzählt so begeistert, dass man für einen kurzen Moment selber glaubt, dass im Wald Zwerge und Einhörner hausen.
Völlig in Gedanken versunken läuft sie die Straße in Richtung Palast entlang, dass sie gar nicht bemerkt wie der allmählich blau werdende Himmel langsam von schweren Wolken bedeckt wird. Als sie aufsieht, ist sie besorgt, weil den edlen Stoffen in ihrer Tasche der Regen nicht sehr gut bekommen würde. Sie beschleunigt ihren Schritt und blickt immer wieder besorgt gen Himmel.
Der König ist ein schlechter Mensch und als sie die ersten Tropfen auf ihren nackten Armen spürt, erwacht in ihr die Sorge, dass der König sie hart bestrafen würde, wenn seine Stoffe nicht perfekt sind.
Sie läuft noch schneller, doch als endlich das Schloss in ihr Sichtfeld tritt geht schon der allerschönste Wolkenbruch nieder. Es blitzt und donnert und sie rafft ihre Röcke und rennt das letzt Stück bis zur Festung.
Völlig außer Atem betritt sie den Burghof und wird von einem Bediensteten vor den König geführt.
Der sitzt erhobenen Hauptes auf einer kleinen Empore in seinem Thron und mustert sie herablassend. Doch Anna meint noch etwas anderes in seinen Augen zu sehen außer Verachtung so etwas wie Bewunderung, oder vielleicht sogar Begierde, aber
sie ist sich nicht sicher. Sobald sie diesen Ausdruck jedoch bemerkt hat, ist er auch schon gleich wieder verschwunden.
Sie tritt auf den König zu und reicht ihm die Stoffe.
Er holt sie vorsichtig aus dem völlig durchnässten Beutel.
„ Was ist denn das? Was soll das?“ Komischerweise hat Anna das Gefühl, dass die Worte des Königs nicht ganz so hart gemeint sind, wie er sie gesagt hat. „ Eu…Euer Majestät“, stottert Anna, „ Es…Es tut mir wir-wirklich auf…richtig Leid, das…das war keine Absicht, aber…aber als ich auf dem Weg hier…hierher war…“ „ Sei still“ jäh wird sie vom König unterbrochen. Anna wartet schon auf eine Strafe, doch zu ihrer großen Überraschung sagt der König mit milder Stimme, die so gar nicht zu seinem harschen Aussehen passt: „ Es ist nicht wichtig, was mit den Stoffen ist. Es geht mir vielmehr um etwas anderes.“ Anna versteht nicht „Worum denn euer Durchlaucht, wenn ich mir die Frage erlauben darf?“ Ihre Stimme hat sich zum Glück wieder gefestigt und sie ist nicht mehr ganz so unsicher. Ludwig XlX. sieht sie lange an. Erst als sie schon meint, er würde gar nichts mehr sagen, räuspert er sich und sagt dann mit wackeliger Stimme: „ Es geht mir viel mehr darum, Euch hier zu haben, Anna!“ ‚ Oh Gott!’ Anna versteht worauf er hinaus will. „ Anna, ich frage euch hiermit, ob ihr meine Gemahlin werden wollt!“ . Sie hat es geahnt! Er hat sie bei jedem ihrer Besuche umgarnt, ihr Komplimente gemacht und ihr jeden Fehler verziehen. Trotzdem ist sie verlegen. Anna errötet bis unter die Haarwurzeln und bewegt sich in kleinen Schritten und unter vielen Knicksen rückwärts, den Blick zu Boden gerichtet zum Ausgang hin. Als sie schon fast den geräumigen Thronsaal hinter sich gelassen hat und auf eine Halle mit einem langen, polierten Konferenztisch zuknickst hebt der König noch einmal die Stimme: „ Ich werde euch Ende dieser Woche einen Boten schicken, der eure Antwort entgegennehmen und euch eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen wird.“
Anna nickt. Jetzt ist es mit ihrer Selbstbeherrschung endgültig vorbei, sie dreht sich um und läuft schnell durch die Halle. Sie flieht durch den Burghof und geht erst wieder normal, als das Schloss aus ihrem Blickfeld verschwunden ist.
‚ Was wird Martin dazu sagen? Wird er mir Vorwürfe machen? Aber mit welchem Grund? Habe ich etwas gesagt oder getan, was der König falsch verstanden haben könnte?’
Tausend Fragen schwirren ihr durch den Kopf, doch sie weiß auf keine eine Antwort.
Als sie endlich zu Hause angekommen ist, hat Anna ich ein wenig beruhigt.
Weder Martin noch ihre Tochter sind da. ‚Bestimmt hat Martin sie mitgenommen in seine Schmiedewerkstadt, oder sie sind Besorgungen machen. Gut, dann kann ich mich erst mal beruhigen.’ Völlig erschöpft lässt sich Anna auf einen Stuhl fallen und sieht sich in der kleinen Hütte um. Ein Wohn- und Esszimmer, in dem sie sich befindet, mit einem schmalen Holztisch und einem von Martin eigens gebauten Kamin, einer winzigen, aber sehr schönen Küche und ein Schlafzimmer, dessen Tür im Augenblick offen steht; Mit zwei Betten, einem Doppelbett und einem kleineren Bett für Martha. Auf dem Boden liegt eine Puppe von ihrer Tochter, die sie ihr zu ihrem letzten Geburtstag selbst genäht hatte.
‚Wollte sie sich von dem allen, was sie so sehr liebte, für ein bisschen Geklimper und Wohlstand trennen? Und ihre Familie wollte sie auch unter keinen Umständen verlassen. Außerdem ist der König ein ekel- erregender Mann, dessen Primitivheit und Dummheit auch die größte Krone nicht verbergen konnte.’ Wollte sie das? „Nein das will ich nicht!“ entschied sie laut. ‚ Hier ist mein zu Hause, und alles was ich liebe. Wenn am Ende der Woche tatsächlich dieser Bote kommen sollte, würde sie einfach ablehnen!’ entschied sie.
Als am Abend ihr Mann und ihre Tochter wiederkommen, sagt sie vorerst noch nichts. Erst als sie gegessen haben und Martin ihre Tochter ins Bett gebracht hat, erzählt sie ihm, was passiert ist.
Martin reagiert verstört, macht ihr jedoch keinerlei Vorwürfe, wie sie vermutet hat. Vielmehr macht er seiner Wut auf den König herzlich Luft: „ Was fällt diesem Esel eigentlich ein? Ersieht doch an deinem Ring, dass du nicht mehr zu haben bist!“ Auf einmal wird er still. Sie weiß genau, was er jetzt denkt. „ Du hast ihn doch getragen, oder?“ Er sieht sie unglücklich an „ Ja, natürlich habe ich das!“ Bekräftigt sie. „Also! Warum fragt er dann so was? Am Ende der Woche will er deine Antwort?“ Sie nickt. „ und wenn wir dann einfach nicht da sind?!“ überlegt er. Doch Anna schüttelt traurig den Kopf. „ Dann wird der Bote warten. Martin, ich sage einfach, dass ich nicht will!“ „ Anna, Liebes, das geht nicht! Er wird dich zwingen! Du weißt, was er für ein schlechter Mensch ist! Du musst wohl oder übel zustimmen.“ Eine Träne rollt Martin über die Wange. Anna wischt sie vorsichtig weg. „ Lass uns zu Bett gehen, Schatz. Morgen sieht das bestimmt alles viel besser aus.“ Das sagt sie mehr um sich selbst zu beruhigen „ Ich liebe dich Martin, und ich werde das immer tun!“ Sie küsst ihn. „ Ich liebe dich auch.“ Seine sonst so strahlenden Augen sind ganz dunkel und trüb. Sie nimmt Martin an der Hand und sie schleichen zu Bett. Martin kuschelt sich ganz dicht an sie und sie greift nach seiner kalten Hand. So schläft er ein, aber Anna findet lange keinen Schlaf.
Zuletzt geändert von Musheline am Mi 09. Mai 2007, 16:34, insgesamt 1-mal geändert.
|