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Anna Tiedke's Inspiration - Teil I - Kapitel 3

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BeitragVerfasst: Sa 03. Jan 2009, 13:30 
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Mi 16. Jul 2008, 13:28

Beiträge: 9

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Köln
Anna Tiedke's Inspiration - Teil I - Kapitel 3

In der Frodella


Nur zwei Tage nach Asleia Shabindis Tod berieten sich bereits die hohen Räte im Dorf über das Thema.
Mittelpunkt der Debatte war das Amphitheater des Dorfes, die „Frodella“, wie es auf Aryionisch hieß. Semah hatte alle der mehrere Hundert zählenden Dorfbewohner einberufen, von Silók, dem Schmied, bis hin zu Nathan Peleiz, dem Müller und Eztar, dem Ernteverwalter; natürlich auch die niederen Bewohner, Bauern, Grundbesitzer, Wachposten und einige Milizsoldaten, wobei sich Anna fragte, worin zwischen den beiden der Unterschied bestand. Sogar der Präfekt von Vaughan, der Nachbarstadt, war zu Pferde nach Murdston gekommen und sich mit ihnen beraten. Nun sollten die Ergebnisse ihrer Unterredung an die Ohren der Bewohner gebracht werden.
Auf der kreisrunden Bühne standen drei Stühle aus Semahs Kabinett, von denen man dem gesamten Publikum genau in die Augen sehen konnte. Auf dem Stuhl links saß Semahs Vater Potsirt Seith, ein überaus weiser Mann, wenn er nicht gerade einen seiner Anfälle hatte. Rechts hatte der dicke Präfekt Position bezogen, während Semah selbst in der Mitte zwischen den beiden Platz genommen hatte. Sie erhob sich und rief, nachdem sich das Publikum beruhigt hatte:
„Liebe Murdstonianer jedweden Ranges, ich heiße euch hiermit willkommen. In dieser Debatte verhandeln wir in der Sache mit“, sie räusperte sich gründlich, „Asleias Tod. Wie ihr seht, bin ich nicht alleine aufgekreuzt. Heißt nun alle willkommen Obixor Tixa Trogdyth, Präfekt des schönen Vaughan...“
Applaus seitens der Zuhörer, einige jubelten ihm sogar zu.
„...und mein Vater Potsirt, den ihr vermutlich alle bereits kennt.“ Sie zögerte nicht damit, Obixor direkt das Wort zu erteilen.
Dieser, wohl überrascht von dieser Ehrerbietung, erhob sich schwerfällig aus seinem Sitz und strich sich über den Bauch. „Isch grüße das dreue Volk von Möadston. Eure Dorfherrin hat misch einberufen, um mit ihr um die örtliche Griese zu debaddieren. Isch habe bereits mitbegommen, dass hier so'n Mädschen gestorben ist. Ich finde das eine Schweinerei und will, dass das aupfhört.“
Semah hob die Hände.“Danke, Obixor, für Eure Ansprache. Wollt Ihr etwas hinzufügen, Vater?“
Der alte Mann nickte, stand auf und krächzte sofort los:“Wer wagt es, hier unsere Leute zu morden?“ Dem Anschein nach hatte die Wut wieder von ihm Besitz ergriffen. „Die sind doch nicht mehr ganz richtig im Kopf. Wir greifen zu den Waffen und vendettieren – schließlich sind wir keine Tölpel, die dem Feind so lange Einstand gewähren, bis er nicht mehr aufzuhalten ist. Emh im Himmel wird uns schützen und wir werden erfolgreich vergelten.“
„Ihr scheint Euch über Euer Vorhaben sehr im Glaren zu sein, Bodsirt“, entgegnete der Präfekt. „Bedengt jedoch, unsere Feindser sind wie Gammälionser. Wenn man denkt, sie seien friedlich gestimmt, drohen sie schon morgen mit den Waffensers. Also sollden wir erstmal herausfinden, wer diese Asleia Shabindi überhaupt ermordet hat, sonst machen wir nur falsche Sachenser.

Plötzlich meldete sich der Müller, Nathan Peleiz, aus dem Publikum.
„Wer sind denn unsere Feinde?“ fragte er das Triumvirat zynisch. „Doch wohl nicht dieses Midländerpack aus dem verlotterten Midland? Nein, nein, Leute, – wenn ihr denkt ihr hättet damit bei mir Erfolg, seid ihr schief gewickelt. Seht Euch doch um, wir sind bewaffnet“, er deutete auf die Wachen, „und ein fortschrittliches Dorf ist wohl in der Lage, seine Bewohner selbst zu verteidigen. Das ist doch wohl klar wie Weizenschrot.“
Semah verdrehte die Augen zum Himmel, das Publikum pfiff wütend. „Werter Nathan, wir haben uns doch wohl kaum in der Frodella versammelt, um euer fatalistisches Geunke zu hören. Wir reden hier nicht über eine Lappalie, sondern über einen Mord. Fragt die Suchenden. Deshalb lasst eure Vorurteile mal ganz außen vor, besonders gegen unseren werten Präfekten. Verzeihung, Obixor.“
Der Nayr fühlte sich geschmeichelt. „Dange schöhn, Pfrau Semah“, brabbelte er. „Also, wo waren wir stehengeblieben? Ja, wir müssen Glarheid in die Sache mit ihrem Tod bringen. In unseren Überlegungsern sind wir zu dem Schluss gegommen, dass Amberüllser daran bedeiligt waren.“
„Man fand Spuren der Amperylls an der Fundstelle“, erklärte Semah. „Seltsam ist es dennoch, es ist schließlich viele Jahrhunderte her, dass sie das letzte Mal in der Geschichte erwähnt wurden. Wir wissen nicht viel über sie, könnte auch ein Trugschluss sein.“
„Wie wären sie überhaupt nach Murdston gekommen?“ fragte Odilo, der einem natürlichen Tod seiner Freundin eher glauben mochte als einem Mord durch mystische Gestalten.
„Ich habe mal ein altes Schriftstück über Monolithe gelesen“, warf Potsirt ein. „In dessen Zusammenhang werden sie erwähnt. Daher ist eine kriegerische Auseinandersetzung wohl unausweichlich, wenn wir das Unglück an der Wurzel packen wollen.“
Warum so einfach, wenn es auch kompliziert ging?
„Jetzt reicht's aber langsam, Vater!“ entgegnete die Dorfherrin kühl. „Unsere Theorie ist ebensowenig untermauert wie deine, und ein Krieg geht auch mal gerne zu unseren Ungunsten aus. Im Übrigen haben wir das nicht zu entscheiden, sondern wir müssten ein Gesuch bei den höheren Autoritäten einlegen. Falls die nicht viel Wichtigeres zu tun haben.“
„Können wir nicht einfach abstimmen?“ fragte Arnold.
Super, dachte Anna. Die erste gute Idee heute.
„Ist das nicht überflüssig?“ Potsirt war schon wieder aufgestanden. „Es ist doch längst klar, dass die Amperylls für uns und die Gemeinschaft eine ernsthafte Bedrohung darstellen! Meinst du etwa, wir sollten warten, bis noch einer dem Amperyll-Tode ins Auge blickt, Semahschätzchen?“ Er beäugte skeptisch seine Tochter, die nach Befürwortern ihrer Position im Publikum suchte. „Sieh es doch endlich ein: Du kannst dich nicht mehr vor ihnen verstecken, denn sie wissen, wo wir sind, wie sonst hätten sie den Weg ins Dorf gefunden? Wir müssen antworten auf den Tod unserer Freunde.
Oder willst du sein wie unser Müller, der keine Gefahr sieht, wohin er auch blickt? Komm schon, Tochter. Irgendwann wirst du deine Starrköpfigkeit bereuen.“
Die letzte Passage seiner Predigt war für Anna fast nicht mehr zu verstehen, obwohl sie ziemlich weit vorne saß. Sie blickte ratlos umher. Die Vielzahl der Dorfbewohner war bereits geistig weggetreten und hatte Interessanteres im Sinn, als über potenzielle Mörder zu diskutieren, von denen noch nicht einmal klar war, dass es sie gab.
Zumindest in jener Nacht.
Wobei noch nicht einmal das bewiesen war.

Anna!
Nur für einen kurzen Moment hatte sie nicht aufgepasst. Nur einige Sekunden, aber was Anna jetzt sah, überstieg ihre Vorstellungskräfte weitest.
Ein Wesen, etwa so groß wie ein Mensch, aber mit alles andere als humaner Ausstrahlung, war vollends unerwartet am einzigen Ausgang der Frodella erschienen.
Wie Anna feststellen musste, handelte es sich dabei um eine abgrundtief hässliche Kreatur, deren Erscheinung ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie besaß einen drachenartigen Kopf mit fahlweißen, leeren Augen und vielerlei spitzen Zahnreihen sowie fliederfarbene Haut, die einen formlosen, schmalen Körper umhüllte. Die Gestalt hatte keine Gliedmaßen, sondern schwebte halb in der Luft. Plötzlich öffnete sie das Maul, und im nächsten Moment ertönte ein derart schrilles Gekreisch, dass Annas Ohren pfiffen. Angsterfüllt schrie sie ebenfalls, das laute Kindergebrüll des Monsters jedoch um nicht eine Hörgrenze übertönend.
Verstört sah sie sich in der Frodella um. Einige Zuschauer waren verwundert aufgestanden, als sie Anna schreien hörten, aber keiner von ihnen schien das Wesen – Anna brauchte nicht mehr zu raten, dass es sich hierbei um nichts anderes als einen Amperyll handelte – zu bemerken, außer ihr natürlich.
Den Ältesten fiel es einige Augenblicke zu spät auf, dass die Wachen blutüberströmt zu Boden sanken; wie Anna gesehen hatte, reichte eine Berührung dieser Kreatur bereits aus, ihnen den Tod zu bringen. Das war der Auslöser einer Massenpanik gewesen. Im Nu breitete sich tumultartige Angst im Publikum aus, alle rannten wild durcheinander.
Anna sah eine Welle hysterisch schreiender Menschen pfeilschnell auf sich zurasen und hatte plötzlich nur noch einen Gedanken. Flucht vor dem Tod.

Nein, Anna! Nein! Komm zurück! Anna!
Ein Trommelwirbel ließ Anna verstummen und sie bremste ihr unbewusstes Fluchtmanöver. Erst Sekunden später wurde ihr klar, dass sie direkt vor der todbringenden Kreatur stand.
Die Angst ließ sie schwindeln, und sie vergaß alles, was um sie herum geschah. Sie sah nicht einmal mehr ihren Gegenüber.
Stattdessen stand die Verwaltersfamilie vor ihr. Wußte Emh, weshalb. Naznok und Airama, ihre Zwillingsschwester, standen sich gegenüber und lieferten sich einen Hahnenkampf, während Eztar nichtsahnend auf einem der Felder Getreide erntete.
Lauft weg! Flieht!, hörte Anna sich selbst schreien. Warum sagte sie das überhaupt?
Wer bist du? Ich kann dich nicht hören!, brüllte Eztar zurück, den Kopf nicht einmal zu ihr wendend.
Ihr müsst hier verschwinden, genau wie alle anderen auch!, rief ihre Stimme.
Ich verstehe nicht, was los ist, entgegnete er kühl. Ich weiß nicht, wer du bist.
Annas Antwort erfolgte, ohne dass sie darüber nachdachte.
Dann wirst du wohl unwissend sterben.
Auf einmal kam Leben in den Verwalter, und er rannte brüllend auf sie zu.
Rostverkrustete Mistgabelzinken besiegelten ihr Schicksal. Obgleich Anna nichts fühlte, tropfte schwarzblaues Blut auf ihre Kleidung. Anscheinend hatte Eztar die Kreatur mit einem gezielten Hieb in das schwarze Herz des Monsters getötet.
Im selben Moment kamen die Ältesten mitsamt einer Gruppe verschreckter Dorfbewohner angelaufen. Semah blickte Anna besorgt an. „Anna, mein Herz, ist dir gut? Bei Vanta, was ist bloß hier passiert?“
„Wir haben dich schreien hören – dann sind die beiden Wachen gefallen.“ Potsirts Stimme klang sehr besorgt. „Thoya und Rederph sind tot.“
Verstohlen blickte sie ihn an. „Das Monster auch“, murmelte das Mädchen. Erst im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass die Vasallerie der Dorfherrin dem Amperyll-Angriff zum Opfer gefallen war. Ihr kam es vor wie ein dummer Zufall. Sie waren die einzigen in Reichweite gewesen – bis auf sie selbst. Es hätte auch andere treffen können.“
„Welches Monster?“
Also hatte nur sie es gesehen. Aber was war mit Eztar? Wie hatte er es töten können?
Arnold trat zu ihr und umarmte sie. „Da war kein Monster. Es war Schicksal, und wir sind froh, dass du noch am Leben bist.“ Langsam bewegte sich die Gruppe hinfort, und die Bewohner verschwanden ebenfalls einer nach dem anderen.
Trotz seiner Liebenswürdigkeit, die Anna rührte, brodelte in ihr plötzlich eine Art undefinierbarer Zorn. „Ich habe es gesehen!“ rief sie Semah hinterher. „Ich habe gesehen, wie es die beiden getötet hat; es stand direkt vor mir und Eztar hat es außer Gefecht gesetzt! Bist du denn immer noch nicht von ihrer Existenz überzeugt? Wieviele Leichen braucht es, reichen dir Asleia, Thoya und Rederph nicht?“
Die Angesprochene drehte sich abrupt um. „Ich bin die Dorfherrin. Wir haben alle dieses grauenvolle Ereignis miterleben müssen, und haben die Gefallenen geliebt.“
„Lasst uns die Verstorbenen als Menschen und nicht als Mordopfer in Erinnerung behalten“, fügte Demios, der Priester, hinzu.
Anna schaubte erbost. „Ich hasse euch Fatalisten!“ schrie sie, um gleich darauf erschrocken über sich selbst zu sein.
Arnold fasste ihre Hand. „Ich glaube, wir gehen jetzt besser. Komm nach Hause und lass den Trauernden ihre Trauer. Los, Emíne wartet schon.“
„Du glaubst also, dass Semah Recht hat?“ zischte sie verächtlich.
Arnold zuckte die Achseln und starrte auf die Erde. Nur Anna erkannte darauf noch schwarze Blutspritzer. „Ich weiß es nicht. Vielleicht, vielleicht auch nicht.“


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