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Foren-Übersicht » Die Geschichtenrubriken » Geschichten: Fiktion » Fantasy » Fantasy - Abenteuer

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Die Entzauberung der Welt - 1/3

Autor Nachricht
BeitragVerfasst: So 09. Aug 2009, 12:21 
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So 09. Mär 2008, 12:54

Beiträge: 17
Es fiel mir sehr schwer, für diese Geschichte ein Genre zu finden, deswegen warne ich jeden eingefleischten Fantasyleser: Es sind nur minimal Fantasyanteile enthalten. Mittlerweile ist die Geschichte abgeschlossen und ich habe nach bestem Wissen und Gewissen schon so weit korrigiert wie es mir alleine möglich war. In ihr steckt mein Herzblut.
Der Anfang ist noch relativ langsam.
Eine Sache noch: Ich bin ein Freund von Wortschöpfungen.

Die Entzauberung der Welt 1/3

Noch während der Zug unter Getöse und Gestampfe, unter furchteinflößendem Quietschen und Fauchen, unter Zischen und Dampfen zum Stehen kam, stand ich bereits an der hölzernen, altmodisch wirkenden, Eingangstür des Zuges und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie sich für mich öffnen möge.
Noch vor wenigen Augenblicken hatte ich mich von dem englischen Ehepaar verabschiedet, mit dem ich mich höflich, jedoch kleingeistig und leblos, fast gelangweilt unterhalten hatte, da wir im selben Abteil Plätze zugewiesen bekommen hatten.
Mich hatte die Abenteuerlust wieder einmal gepackt, die Sucht nach Neuem, nach Unbekanntem, die Wissbegier. So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich entschieden hatte, gerade hier, im einzigen Bergdorf entlang der Eisenbahnroute, über den mir mein lieb gewonnener Reiseführer kein Wissen zukommen lassen konnte, einen Zwischenhalt einzulegen. Während sich das lange weiße Schild mit der seltsam verschnörkelten Aufschrift „St. Martiné“ in mein Blickfeld schob und der wie ein wildes Tier wirkende Zug mit einem letzten bockigen Ruck endgültig Halt gab, stieg in mir eine kribbelnde, ungeduldige Freude auf. Sie durchfuhr die Finger und Füße, den Hals und stieg langsam zur Kopfhaut hin auf. Sie erfüllte mich so ganz und gar, dass ich mich dabei ertappte wie ich nervös mit dem linken Fuß wippte und den Griff um meinen abgegriffenen, braunen Reisekoffer aus Echtleder, immer wieder lockerte, nur um ihn dann noch fester zu umschließen.
So sprang ich beinahe, als der Weg sich mir endlich öffnete, auf den schmalen steinernen Bahnsteig und schaute mich rasch um.
Keine Menschen, nur ein mürrischer Schaffner, der sich routiniert aus dem Zug lehnend, den Bahnsteig auf Menschen inspizierte. Ein paar Bäume, deren Blätter von einem hellen, sanften Grün. In die eine Richtung Hänge und Wipfel, beschienen von einer gnädigen milden Sonne, bewaldet von dunklem Nadelholz, in die andere Richtung ein einzelnes kleines Häuschen aus rotem Backstein, das wohl den Ausgang aus dem Bahnhof bildete. Ich vermutete eine kleine Senke dahinter, sodass man den Rest des Dorfes nicht sah, obwohl mich auch die Sorge ergriff, dass St.Martiné nicht vermerkt war in meinem sonst lückenlosen Nachschlagewerk, da es einfach ein einzelnes Gebäude beschrieb, das aus irgendeinem, nicht nachvollziehbaren, Grund hier erbaut worden war. Was wäre das für eine Enttäuschung nach dem Tatendrang, den ich eben noch so voller Euphorie verspürt hatte.
Ich stellte mir vor, wie das Dorf einst voller Leben gewesen war, bis ein mächtiger Sturm oder eine Lawine nichts übrig gelassen hatten bis auf ein kleines, unscheinbares Bahngebäude, in dem ein frustrierter Beamter verlassen und leise über Büchern brütend auf seine nahende Pensionierung wartete. Gequält lächelte ich über diesen Gedanken und malte mir das Bild eines älteren Mannes mit Halbglatze, Schnurrbart und Lesebrille aus, der über einen dunklen Schreibtisch gebeugt im notdürftigen Licht einer halb abgebrannten Kerze sitzt.
In meinem Rücken fuhr der Zug wieder an. Ein Lärm erfüllte die Luft, durchschnitt die wunderbare Landschaft, wobei die Bahn sich röhrend in Bewegung setzte, sich wie eine Raupe langsam eine Steigung hinauf quälte.
Noch einige lange Augenblicke sah ich meinem letzten Ausweg von hier hinterher. Sah wie die metallene Schlange sich um eine Kurve wand und sich schließlich aus meinem Blickfeld verlor. Der Zug fuhr hier nur zweimal am Tag. Einmal, vormittags den Hang hinab, um all die Reisenden aufzusammeln und zurück in die Zivilisation der Städte zu führen. Einmal am Nachmittag fuhr sie hinauf. Tagesausflüge waren hier nicht möglich. Meine Armbanduhr zeigte fleißig die Uhrzeit: 17 Uhr 23.
Mit bangem Herzen betrat ich das Bahngebäude, das mir ohne erkennbaren Grund in seiner schlichten Bauart einfach zusagte und war erfreut anstatt einem halbglatzigen, bebrillten Bürokraten einem eisernen Drehkreuz zu begegnen, das sich mühelos aufstoßen ließ.
Dahinter befand sich ein Fahrkartenautomat, ein weiterer Automat für Snacks und Getränke, beide sahen alt und seltsam abstoßend aus, sowie eine hölzerne, grün angestrichene Tür mit einem Fenster, durch das man die orangeroten Ziegel in der Sonne scheinender Spitzdächer sehen konnte.
Als ich sie entdeckte kehrte das Lächeln auf mein Gesicht zurück. Ich war erleichtert nicht umsonst hergekommen zu sein und mein tatendurstiges Herz machte einen leichten Sprung.
Bevor ich mich jedoch ins Abenteuer stürzen konnte, musste ich erfahren, wann denn mein morgiger Zug kommen würde. Also ging ich zu der kleinen Tafel, an der ein Papier hinter einer Plexiglasscheibe festgemacht war. Auf dem gelben Zettel, auf dem in schwarzen komplizierten Lettern geschrieben war, hieß es: „L’arrivée des étrangers: 17 heures 22“
Erst nach einiger Übersetzungsarbeit mithilfe meines Wörterbuchs fand ich heraus was es bedeutete: „Ankunft der Fremden: 17 Uhr 22“
Irritiert runzelte ich die Stirn. Ich muss ziemlich verwirrt ausgesehen haben, als ich dort stand und nachdachte, wie diese Nachricht zu verstehen sei. Ich überlegte ob sich nicht ein paar Jugendliche einen Scherz erlaubt hatten, doch die Plexiglasscheibe schien nicht angerührt worden zu sein und die Buchstaben stammten eindeutig aus einer Schreibmaschine, nicht aus der ungeschickten Hand eines pubertierenden Jungen. Gezwungenermaßen rang ich mich dazu durch meinen Notizblock aus der Tasche zu stöbern und in großen Ziffern: „17:22“ auf die linierte Seite zu schreiben. Dann kreiste ich die Uhrzeit mehrmals ein, nachdenklich, was mich wohl erwarten würde.
Erst nach einigen, ungeschickten Kreisen, die sich zu einem faserigen, wabernden, dicken Kreis verbanden, getraute ich mich zur Tür zu schreiten, die Klinke mit unruhiger Hand nach unten zu drücken und das Tor zur Welt aufzustoßen.
Ich wurde wie von einem Strick mit einem Ruck in der Zeit zurück gerissen und fand mich taumelnd irgendwo zwischen Renaissance und der Moderne wieder.
Kleine pflastersteinerne Gassen, die geschwungen zwischen sauberen, orange weißen Fachwerkhäusern entlang bummelten. Auf ihnen Menschen. Kleine Kinder, die lachend über die Straßen liefen. Alte Männer beim Boule Spielen. Frauen, die sich in kleinen Gruppen unterhielten und überall Wäscheleinen, an denen, in luftigen Höhen reine, nach Waschmittel riechende Kleidung befestigt war. Ein kleines Café war zu sehen. Zierliche Metalltische und rundherum Korbstühle, in denen Café schlürfende Gäste sich lauthals auf Französisch Worte zuwarfen. Einige hatten ein halbvolles Weinglas vor sich auf den Tischen stehen, nippten ab und zu mit wissenden Mienen daran und warfen den Kopf genussvoll in den Nacken. Es roch angenehm nach Backwaren, nach Zimt und knusprigem Blätterteig, nach Croissant und Kuchen, nach dem bitteren Aroma von Café, nach Waschmittel und warmem Stein.
Und als ich das Dorf überblickte schätzte ich vierhundert Häuser, die sich idyllisch vor mir ausbreiteten. Dann und wann ragte ein Türmchen aus der Dächerfläche hervor und die gesamte Szenerie war gebadet in das sanfte Rot der Abendsonne.
Alles wirkte so irreal, märchenhaft und trotzdem: Ich war zufrieden und saugte alles wissbegierig in mich ein, damit mir auch nichts entging.

Lg
Salmiakpastille


Zuletzt geändert von Salmiakpastille am Di 18. Aug 2009, 11:04, insgesamt 3-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Mo 10. Aug 2009, 18:02 
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Do 11. Mai 2006, 15:08

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Hallo Salmiak,

(Salmi? Pastillchen?) ;)

Zitat:
deswegen warne ich jeden eingefleischten Fantasyleser: Es sind nur minimal Fantasyanteile enthalten.

So eine Warnung finde ich immer gut! Gilt das nur für diesen Teil oder die gesamte Geschichte?

Zitat:
In ihr steckt mein Herzblut.

Wenn ein Autor so etwas sagt, muss ich immer schluchzen.

Zitat:
Eine Sache noch: Ich bin ein Freund von Wortschöpfungen.

Du erfindest neue Wörter?

Zitat:
Noch während der Zug unter Getöse und Gestampfe, unter furchteinflößendem Quietschen und Fauchen, unter Zischen und Dampfen zum stehen kam, stand ich bereits an der hölzernen, auf mich altmodisch wirkenden, Eingangstür und

Solche Einschubsätze wirken aufblähend und da Dein erster Satz ohnehin schon nicht kurz ist, würd ich vorschlagen, das wegzulassen. Welche Tür am Bahnhof ist noch aus Holz? Damit ergibt sich beim Leser schon so ungefähr das Bild, das Du erzeugen möchtest.

Zitat:
fast gelangweilt unterhalten hatte, da wir dasselbe Abteil teilten.

Einmal, also immer verwenden: Abteil geteilt hatten (wobei ich da ein anderes Wort einsetzen würde, weil ein kleiner Zungenbrecher).

Zitat:
So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich entschieden hatte gerade hier, im einzigen Bergdorf

So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich entschieden hatte, gerade hier, im einzigen Bergdorf

Zitat:
Zug mit einem letzten bockigen Ruck endgültig halt gab, stieg in mir

Ich bin mir unsicher, ob man "Halt" nicht groß schreibt an der Stelle, weil "der Halt".

Zitat:
den Bahnsteig auf Menschen inspizierte Ein paar Bäume, deren

Satzzeichen entwischt ;)

Zitat:
bis ein mächtiger Sturm oder eine Lawine nichts übrig gelassen hatten bis auf einem kleinen, unscheinbaren Bahngebäude, in dem ein frustrierter Beamter verlassen und leise über Büchern brütend auf seine nahende Pensionierung wartete.

bis auf ein kleines unscheinbares Bahngebäude


Du weißt Dich auszudrücken, das gefiel mir sehr gut! Ebenfalls bin ich ein großer Fan der Ich-Persepektive.
Aber leider blähst Du Deinen Text unnötig auf; nicht nur ein Adjektiv muss es sein, nein gleich drei oder vier und das nicht nur ab und zu bei auffälligen Dingen, nein auch bei Kleinigkeiten. Die Handlung streckt sich dadurch, geht leider nicht so richtig voran.
Wäre das ein anderes Genre, ich würde es wahrscheinlich anmerken und dann beiseite fegen. Aber wir sind in der Phantastik gelandet und Du musst Dir ins Gedächtnis rufen, für welche Zielgruppe Du das hier schreibst. Jugendliche und junge Erwachsene, ja noch nicht einmal ich würden das einen ganzen Roman durchhalten. Hinzu kommt, dass es ja nun in Mode kommt, Leseproben eines Romans zu veröffentlichen, da muss der Anfang "ziehen".
Allerdings muss ich auch gestehen, hat mir die Handlung ab dem Zeitpunkt, an der Ich das Gebäude verlässt sehr gut gefallen. Ich kann nur leider nicht genau lokalisieren, in welcher Zeit wir uns befinden. Ich vermute etwas, bin mir aber nicht sicher.
Ich gefällt mir gut, solche Typen mag ich, die treten viel zu selten auf. Was Du auf jeden Fall geschafft hast ist, dass ich gerne wissen möchte wie es weitergeht, nur um zu sehen, wie Du die Handlung weiterspinnst und ob ... also wie sich sowohl Inhalt, als auch Schreibe entwickeln. Deine Art an sich zu schreiben spricht mich auf jeden Fall sehr an. Ich erwarte einiges.


LG
Soleil

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BeitragVerfasst: Mo 10. Aug 2009, 18:08 
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Hallo Gernot
Vielen dank für den Kommentar, ich werde mich gleich mal auf die Suche nach den Kommatafehlern und dem verlorenen Punkt machen.

Mit den langen Sätzen hast du recht. Ich schreibe manchmal sehr verschachtelt, vor allem in diesem Fall, da ich nach längerer Schreibpause gerne in diese Unart zurückfalle. Soweit ich das beurteilen kann wird das in den späteren Textteilen zumindest minimal besser.
Dein Beispiel ist leider ohne deine Schuld etwas unglücklich gewählt, da diese Ansicht des Protagonisten in den beiden späteren Teilen noch wichtiger wird. Trotzdem werde ich Sätze noch auseinander nehmen, auch auf die Gefahr hin, dass es sich dann etwas abgehackt liest.

Was die Beschreibungen angeht... ich kann nicht anders. Das ist leider die traurige Wahrheit ;). Vielleicht werde ich irgendwann eine wirkliche Kurzgeschichte schreiben. Wenn es soweit ist, werde ich allerdings mit mir kämpfen müssen.

Ich bin froh, dass es dir trotzdem nicht langweilig wurde. Ein Dankeschön für das Lob!


Lg
Salmiakpastille


P.s. Pastille ist volkommen in Ordnung ;)


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Re: Die Entzauberung der Welt - 1/3

BeitragVerfasst: Mo 10. Aug 2009, 21:14 
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Hallo Pastille,

Erstmal ein Lob an deinen Schreibstil. Mir gefällt er!
Vielleicht könntest du an einigen Stellen einen eingeschobenen Nebensatz weglassen, oder ein Relativsatz als weiteres Adjektiv einfügen, statt eingeschoben mit Kommas (Siehe erstes Zitat, damit du verstehst, was ich meine), aber im Grossen und Ganzen gefällt mir der Text.
Ich würde sogar sagen (nicht böse sein, Soleil) dass der Text nicht „aufgebläht“ wirkt, sondern „gesättigt“. Das heisst, du scheinst dem Leser vorzugeben, wie der Text auf ihn zu wirken hat und lässt ihm dennoch Raum für Fragen und Interpretationsansätze. Das find ich stark!

Salmiakpastille hat geschrieben:
Noch während der Zug unter Getöse und Gestampfe, unter furchteinflößendem Quietschen und Fauchen, unter Zischen und Dampfen zum stehen kam, stand ich bereits an der hölzernen, auf mich altmodisch wirkenden, Eingangstür und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie sich für mich öffnen möge.

Nun eben zur Erklärung „Relativsatz zu weiterem Adjektiv“: Wie wäre es, wenn du den bereits kritisierten Nebensatz wegliessest und schriebest: „... stand ich bereits an der hölzernen, altmodisch (wirkenden) Eingangstür ...“
Das „wirkenden“ einfügen ist optional, aber ich finde, dass du gar nicht speziell hervorheben musst, dass die Tür „auf mich“ altmodisch wirkt. Du schreibst ja aus der Ich-Perspektive; und wenn du sagst, dass etwas altmodisch ausschaut, dann ist das der Eindruck des Ich-Erzählers. Ob es tatsächlich so ist, kann man als Leser eh nicht beurteilen.

Dann steht im gleichen Satz noch „unter Zischen und Dampfen zum stehen kam“. „Stehen“ ist substantiviert, also gross.

Was mir aber besonders gefällt sind deine thematischen Paarungen der Zuggeräusche. „Getöse und Gestampfe“ passt zusammen, „Quietschten und Fauchen“ etc. Du könntest sogar das „furchteinflössendem“ weglassen, dann würde der Satz lyrischer wirken. Aber ich will dir nicht zuviel dreinreden.

Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] über den mir mein lieb gewonnener Reiseführer kein Wissen zukommen lassen konnte, einen Zwischenhalt einzulegen.

Vielleicht „zukommen liess“.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Sie durchfuhr die Finger und Füße, den Hals und stieg langsam zur Kopfhaut hin auf.

Meinst du nicht „hinauf“? Es ist doch „hinaufsteigen“ und nicht „aufsteigen zur Kopfhaut hin“, oder?

Salmiakpastille hat geschrieben:
Sie erfüllte mich so ganz und gar, dass man mich dabei ertappte wie ich nervös mit dem linken Fuß wippte [...]

Wer ist hier „man“? Wäre „ich“ nicht besser?

Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] und den Griff um meinen abgegriffenen, braunen Reisekoffer aus Echtleder, immer wieder lockerte, nur um ihn dann noch fester zu umschließen.

Was ist „Echtleder“? Meinst du „echtes Leder“? Oder ist das eine deiner angekündigten Wortschöpfungen?

Salmiakpastille hat geschrieben:
Keine Menschen, nur ein mürrischer Schaffner, der sich lässig aus dem Zug lehnend, den Bahnsteig auf Menschen inspizierte

Vielleicht „der sich lässig aus dem Zug lehnt und den Bahnsteig...“.
Ausserdem gefällt mir hier „mürrisch“ und „lässig“ im gleichen Satz nicht so gut, die beide den Schaffner beschreiben. Vielleicht „routiniert“ statt „lässig“, um anzuzeigen, dass er es nicht zum ersten Mal tut. Ausserdem beinhaltet „routiniert“ nicht die Konnotationen „locker“, „abgeklärt“, „leger“.

Soleil hat geschrieben:
Salmiakpastille hat geschrieben:
den Bahnsteig auf Menschen inspizierte Ein paar Bäume, deren

Satzzeichen entwischt

Ich glaube, nicht nur ein Satzzeichen. Im Folgesatz mit den Bäumen und Blättern scheint ein Verb zu fehlen.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich vermutete eine kleine Senke dahinter, sodass man den Rest des Dorfes nicht sah, obwohl mich auch die Sorge, nein die Angst ergriff, dass St.Martiné einfach nicht vermerkt war in meinem sonst lückenlosen Nachschlagewerk, da es einfach ein einzelnes Gebäude beschrieb, das aus irgendeinem, nicht nachvollziehbaren, Grund hier erbaut worden war.

Dieser Satz ist auch für mein Verständnis etwas zu lang.
Wenn ich ihn auseinander nehme, finde ich folgende Aussagen: Das Dorf scheint in einer Senke zu liegen; „Ich“ ist besorgt, weshalb das Dorf im lückenlosen Nachschlagewerk nicht eingetragen ist; eigentlich sollte nach Plan ein einzelnes Gebäude, statt dem Dorf hier stehen.
Drei Aussagen, also. Ich kann mir – nebenbei bemerkt – ausmalen, dass du an dieser Stelle ganz sanft auf etwas hindeuten möchtest ;)
Hast du versucht, den uneindeutigen Hinweis zu verschachteln, damit er dem Leser nicht sofort auffällt? So kommt es mir vor. Das kann ein Weg sein, aber ich finde dass die drei Aussage im selben Satz – vor allem die erste mit der zweiten – nicht gut zusammenpassen. Vor allem wenn du ein „obwohl“ als Konjunktion verwendest. Wieso überhaupt?

Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich stellte mir vor, wie das Dorf einst voller Leben gewesen war, bis ein mächtiger Sturm oder eine Lawine nichts übrig gelassen hatten [Komma] bis auf einem kleinen, unscheinbaren Bahngebäude, in dem ein frustrierter Beamter verlassen und leise über Büchern brütend auf seine nahende Pensionierung wartete.

Ist es nicht „nichts mehr übrig gelassen hatten“? Ausserdem bin ich mir nicht sicher, ob man hier „hatte“ statt „hatten“ verwenden könnte. Meinem Sprachgefühl nach Ersteres, aber ich kann mich auch täuschen.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Gequält lächelte ich über diesen Gedanken und malte mir das Bild eines älteren Mannes mit Halbglatze, Schnurrbart und Lesebrille, der über einen dunklen Schreibtisch gebeugt im notdürftigen Licht einer halb abgebrannten Kerze sitzt.

Malt er das wirklich, oder malt er es sich nur aus? Wenn Letzeres, dann würde ich nach „Lesebrille“ das „aus“ noch ergänzen.

Salmiakpastille hat geschrieben:
In meinem Rücken fuhr der Zug wieder an. Ein Lärm erfüllte die Luft, durchschnitt die wunderbare Landschaft, wobei die Bahn sich röhrend in Bewegung setzte, sich wie eine Raupe langsam eine Steigung hinauf quälte.

Schön!

Salmiakpastille hat geschrieben:
Noch einige lange Augenblicke sah ich meinem letzten Ausweg von hier hinterher. Sah wie die metallene Schlange sich um eine Kurve wand und schließlich aus meinem Blickfeld verschwand

„wand“ und „verschwand“ reimt sich hier unnötigerweise. Vielleicht könntest du das eine oder andere durch ein anderes Verb ersetzen.

Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] sowie eine hölzerne, grün angestrichene, beklinkte Tür mit einem Fenster, durch das [...]

Was ist „beklinkt“?

Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich war erleichtert [Komma] nicht umsonst hergekommen zu sein [Komma] und mein tatendurstiges Herz machte einen leichten Sprung.

Die Kommas sind optional, aber meiner Meinung nach ist das „nicht umsonst hergekommen zu sein“ eingeschoben, deshalb Kommas.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Bevor ich mich jedoch ins Abenteuer stürzen konnte [Komma] musste ich erfahren, wann denn mein morgiger Zug kommen würde.


Salmiakpastille hat geschrieben:
Also ging ich zu der kleinen Tafel, an der ein Papier hinter einer Plexiglasscheibe festgemacht war. Auf dem gelben Zettel, auf dem in schwarzen komplizierten Lettern geschrieben war, hieß es, wie ich nach einiger Übersetzungsarbeit mithilfe meines Wörterbuchs rausfand: „Ankunft der Fremden: 17:22“

Herrlich irreführend!

Salmiakpastille hat geschrieben:
Gezwungener Maßen rang ich mich dazu durch meinen Notizblock aus der Tasche zu stöbern [...]

„Gezwungenermaßen“

Salmiakpastille hat geschrieben:
Erst nach einigen, ungeschickten Kreisen, die sich zu einem faserigen, wabernde, dicken Kreis verbanden, getraute ich mich zur Tür zu schreiten, die Klinke mit unruhiger Hand nach unten zu drücken und das Tor zur Welt aufzustoßen.

„wabernden“
Schön finde ich im übrigen, wie aus der einfachen Tür ein „Tor zur Welt“ wird!

Salmiakpastille hat geschrieben:
Zierliche Metalltische und Drumherum Korbstühle, in denen Café schlürfende Gäste sich lauthals auf Französisch Worte zuwarfen.

„Drumherum“ ist hier kein Substantiv, deshalb klein. Du könntest auch „rundherum“ verwenden.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Es roch angenehm nach Backwaren, nach Zimt und knusprigem Blätterteig, nach Croissant und Kuchen, nach dem bitteren Aroma von Café, nach Waschmittel und warmen Stein.

Vielleicht besser „Croissants“, weil in der Mehrzahl. Und „warmem Stein“.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Und als ich das Dorf überblickte schätzte ich auf vierhundert Häuser, die sich idyllisch vor mir ausbreiteten.

Entweder: „schätzte ich ihre Anzahl auf etwa vierhundert Häuser“, oder das „auf“ gleich weglassen. „Auf etwas schätzen“ gibt es als alleine stehenden Ausdruck, meines Wissens, nicht.

Salmiakpastille hat geschrieben:
Dann und wann ragte ein Türmchen aus der Dächerfläche hervor und die gesamte Szenerie war gebadet in das sanfte Rot der Abendsonne.
Alles wirkte so irreal, märchenhaft und trotzdem: Ich war zufrieden und saugte alles wissbegierig in mich ein, damit mir auch nichts entging.

Ein schöner Schluss, der dem Leser einiges bietet. Sowohl etwas über die unterschwellige Stimmung, die über dem Dorf liegt, als auch zum etwas naiven, nichtsahnenden Protagonisten.


Schliesslich finde ich auch den Titel interessant, jetzt, wo ich den Text ausführlich durchgesehen habe. „Die Entzauberung der Welt“. Und dennoch legst du mit deinem blumigen Stil eine Art Zauber über das Dorf. War das beabsichtigt? Auf alle Fälle hebt das das mulmige Gefühl, dass mit dem Dorf etwas nicht stimmt, schön hervor.
Ich freue mich auf alle Fälle schon auf die Fortsetzung!

Gruss Vega


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BeitragVerfasst: Di 11. Aug 2009, 10:33 
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Hallo,

(@Gernot: funktioniert das mit dem Antwort-Button jetzt wieder bei Dir?)

@Vega:
Zitat:
Ich würde sogar sagen (nicht böse sein, Soleil) dass der Text nicht „aufgebläht“ wirkt,

Warum sollte ich böse sein? Jedem das seine ;)
Aber ein wenig verwirrt bin ich schon, denn wir sagen doch im Prinzip genau das gleiche? Sehr gut, macht Lust auf mehr, aber hier und da nicht so ausführlich und ruhig mal was weglassen ... :icon_neutral

Zitat:
Was ist „Echtleder“? Meinst du „echtes Leder“? Oder ist das eine deiner angekündigten Wortschöpfungen?

Das Wort gibts wirklich :) Ich kenne es aber nur bei Schuhen.



LG
Soleil

PS: Entschuldige bitte den Smalltalk unter Deiner Geschichte, Pastille!

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BeitragVerfasst: Di 11. Aug 2009, 10:51 
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Soleil hat geschrieben:
Zitat:
Ich würde sogar sagen (nicht böse sein, Soleil) dass der Text nicht „aufgebläht“ wirkt,

Warum sollte ich böse sein? Jedem das seine ;)
Aber ein wenig verwirrt bin ich schon, denn wir sagen doch im Prinzip genau das gleiche? Sehr gut, macht Lust auf mehr, aber hier und da nicht so ausführlich und ruhig mal was weglassen ... :icon_neutral

Ich hatte den Eindruck, dass dir die Geschichte nur mässig gefällt, mir dagegen gefällt sie sehr gut. Aber dann habe ich deinen Beitrag zu wenig aufmerksam gelesen ;)

Soleil hat geschrieben:
PS: Entschuldige bitte den Smalltalk unter Deiner Geschichte, Pastille!

dito


Gruss Vega


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BeitragVerfasst: Di 11. Aug 2009, 12:16 
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Hallo Gernot

Gernot Jennerwein hat geschrieben:
Zitat:
Ich hatte den Eindruck, dass dir die Geschichte nur mässig gefällt, mir dagegen gefällt sie sehr gut. Aber dann habe ich deinen Beitrag zu wenig aufmerksam gelesen

ach Vega, ich kenn Soleil`s Kommentare recht gut, und in diesem, ihren Beitrag les ich ganz klar, dass ihr die Geschichte sehr gut gefällt.

Darum hab ich auch geschrieben, dass ich Soleils Beitrag zu wenig aufmerksam gelesen habe. Wobei ... in Wahrheit habe ich ihn nur überflogen.

Gernot Jennerwein hat geschrieben:
ein bisschen lieb tratschen ist doch immer angebracht Vega, nur übertreiben sollte man es nicht.

Na, dann bin ich beruhigt :)

Gernot Jennerwein hat geschrieben:
PS.@Vega, freu mich, dass du wieder da bist

Danke. Ich freu mich, wieder Internet zu haben, und mitlesen und mitschreiben zu können.

Gruss Vega


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BeitragVerfasst: Di 11. Aug 2009, 15:02 
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Hallo,

ehrlich, Jungs, und da sagt man, Frauen wären geschwätzig ;)
Zitat:
Wobei ... in Wahrheit habe ich ihn nur überflogen.

Schäm Dich.
Zitat:
ach Vega, ich kenn Soleil`s Kommentare recht gut, und in diesem, ihren Beitrag les ich ganz klar, dass ihr die Geschichte sehr gut gefällt.

:icon_bemused


LG
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BeitragVerfasst: Di 11. Aug 2009, 19:03 
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Beiträge: 17
Wow, mittlerweile drei wirklich ausführliche Kommentare. Dafür muss ich herzlich danken!

@soleil:
Zunächst vielen dank für den Kommentar!
Salmi oder Pastille gefällt mir. Mit Pastillchen kann ich mich nicht so recht anfreunden ;) .


Die Wortschöpfungen sind als Worterfindungen zu sehen. Vega ist zum Beispiel über das Wort beklinkt (mit einer Klinke versehen) gestolpert. Sie helfen mir manchmal Sachen zu beschreiben, die sonst sehr umständlich zu erklären wären. Außerdem gefällt mir von manchen der Wortlaut, oder das Bild, das man mit ihnen schaffen kann. (Bsp. : geknollte Nase)

Zitat:
Zitat:
bis ein mächtiger Sturm oder eine Lawine nichts übrig gelassen hatten bis auf einem kleinen, unscheinbaren Bahngebäude, in dem ein frustrierter Beamter verlassen und leise über Büchern brütend auf seine nahende Pensionierung wartete.

bis auf ein kleines unscheinbares Bahngebäude


Hier musste ich lächeln, den Fehler mache ich leider häufiger. Mal gucken wie er sich am besten vermeiden lässt.

Bis auf den ersten Vorschlag habe ich alle Korrekturen übernommen. Leider finde ich als Verfasser des ganzen längst noch nicht alle Fehler, die sich einschleichen können. Auf jeden Fall werde ich den nächsten Teil noch einmal Probe lesen, bevor ich ihn einstelle.

Zitat:
Aber leider blähst Du Deinen Text unnötig auf; nicht nur ein Adjektiv muss es sein, nein gleich drei oder vier und das nicht nur ab und zu bei auffälligen Dingen, nein auch bei Kleinigkeiten. Die Handlung streckt sich dadurch, geht leider nicht so richtig voran.


Der Kritikpunkt taucht bei allen drei Rezensionen auf, ist also in gewisser Weise die größte Schwachstelle der Geschichte. Mein Hauptproblem ist dabei folgendes: Ich möchte alles so genau wie möglich beschreiben, also die Bilder in meinem Kopf wiedergeben. Das schaffe ich mittlerweile ganz gut, brauche dafür aber noch zu viele Wörter. Daran muss ich noch arbeiten. Ich werde sehen, wie ich das in der Geschichte noch verbessern kann.

Zitat:
Ich gefällt mir gut, solche Typen mag ich, die treten viel zu selten auf. Was Du auf jeden Fall geschafft hast ist, dass ich gerne wissen möchte wie es weitergeht, nur um zu sehen, wie Du die Handlung weiterspinnst und ob ... also wie sich sowohl Inhalt, als auch Schreibe entwickeln. Deine Art an sich zu schreiben spricht mich auf jeden Fall sehr an. Ich erwarte einiges.


Danke für das Lob. Ich hoffe, ich kann die Erwartungen erfüllen... spüre aber auch schon den Erwartungsdruck ;).


@Vega:
Auch dir vielen Dank für den Kommentar!

Dein Vorschlag zur altmodischen Tür gefällt mir... ich habe ihn übernommen.

Insgesamt haben mir deine Vorschläge den Stil betreffend sehr viel weitergeholfen. Nicht jeden, jedoch viele, habe ich übernommen. In vielen Fällen hast du Stellen gefunden, die noch nicht volkommen ausgereift sind.


Zitat:
Im Folgesatz mit den Bäumen und Blättern scheint ein Verb zu fehlen.


Es ist eine Art Kurzbeschreibung. Grammatikalisch nicht 100% richtig, bzw. eigentlich kein ganzer Satz, jedoch ist er für die Atmosphäre meiner Meinung nach in dieser Kurzform dienlich.


Zitat:
Was ist „beklinkt“?


Mit einer Türklinke versehen

Zitat:
Salmiakpastille hat Folgendes geschrieben:
Zierliche Metalltische und Drumherum Korbstühle, in denen Café schlürfende Gäste sich lauthals auf Französisch Worte zuwarfen.

„Drumherum“ ist hier kein Substantiv, deshalb klein. Du könntest auch „rundherum“ verwenden.


Word meckert, aber du hast, glaube ich, recht ;). Rundherum gefällt mir.


Zitat:
Schliesslich finde ich auch den Titel interessant, jetzt, wo ich den Text ausführlich durchgesehen habe. „Die Entzauberung der Welt“. Und dennoch legst du mit deinem blumigen Stil eine Art Zauber über das Dorf. War das beabsichtigt? Auf alle Fälle hebt das das mulmige Gefühl, dass mit dem Dorf etwas nicht stimmt, schön hervor.
Ich freue mich auf alle Fälle schon auf die Fortsetzung!


Die märchenhafte, verzauberte Stadt ist beabsichtigt. Schön, dass ich dich gefesselt habe. Ich hoffe dir gefällt die Geschichte auch weiterhin und vielen Dank für das Lob am Anfang des Kommentars.


@alle
Ich verzeihe gerne, dass ihr unter meiner Geschichte tratscht. Ich editier jetzt mal meine Geschichte, wobei ich leider bisher nur die Fehler und schnell zu verbessernden Kritikpunkte berücksichtigen konnte.

Lg

Salmiakpastille


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