Hallo Pastille,
Erstmal ein Lob an deinen Schreibstil. Mir gefällt er!
Vielleicht könntest du an einigen Stellen einen eingeschobenen Nebensatz weglassen, oder ein Relativsatz als weiteres Adjektiv einfügen, statt eingeschoben mit Kommas (Siehe erstes Zitat, damit du verstehst, was ich meine), aber im Grossen und Ganzen gefällt mir der Text.
Ich würde sogar sagen (nicht böse sein, Soleil) dass der Text nicht „aufgebläht“ wirkt, sondern „gesättigt“. Das heisst, du scheinst dem Leser vorzugeben, wie der Text auf ihn zu wirken hat und lässt ihm dennoch Raum für Fragen und Interpretationsansätze. Das find ich stark!
Salmiakpastille hat geschrieben:
Noch während der Zug unter Getöse und Gestampfe, unter furchteinflößendem Quietschen und Fauchen, unter Zischen und Dampfen zum stehen kam, stand ich bereits an der hölzernen, auf mich altmodisch wirkenden, Eingangstür und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie sich für mich öffnen möge.
Nun eben zur Erklärung „Relativsatz zu weiterem Adjektiv“: Wie wäre es, wenn du den bereits kritisierten Nebensatz wegliessest und schriebest: „... stand ich bereits an der hölzernen, altmodisch (wirkenden) Eingangstür ...“
Das „wirkenden“ einfügen ist optional, aber ich finde, dass du gar nicht speziell hervorheben musst, dass die Tür „auf mich“ altmodisch wirkt. Du schreibst ja aus der Ich-Perspektive; und wenn du sagst, dass etwas altmodisch ausschaut, dann ist das der Eindruck des Ich-Erzählers. Ob es tatsächlich so ist, kann man als Leser eh nicht beurteilen.
Dann steht im gleichen Satz noch „unter Zischen und Dampfen zum
stehen kam“. „Stehen“ ist substantiviert, also gross.
Was mir aber besonders gefällt sind deine thematischen Paarungen der Zuggeräusche. „Getöse und Gestampfe“ passt zusammen, „Quietschten und Fauchen“ etc. Du könntest sogar das „furchteinflössendem“ weglassen, dann würde der Satz lyrischer wirken. Aber ich will dir nicht zuviel dreinreden.
Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] über den mir mein lieb gewonnener Reiseführer kein Wissen zukommen lassen konnte, einen Zwischenhalt einzulegen.
Vielleicht „zukommen liess“.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Sie durchfuhr die Finger und Füße, den Hals und stieg langsam zur Kopfhaut hin auf.
Meinst du nicht „hinauf“? Es ist doch „hinaufsteigen“ und nicht „aufsteigen zur Kopfhaut hin“, oder?
Salmiakpastille hat geschrieben:
Sie erfüllte mich so ganz und gar, dass man mich dabei ertappte wie ich nervös mit dem linken Fuß wippte [...]
Wer ist hier „man“? Wäre „ich“ nicht besser?
Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] und den Griff um meinen abgegriffenen, braunen Reisekoffer aus Echtleder, immer wieder lockerte, nur um ihn dann noch fester zu umschließen.
Was ist „Echtleder“? Meinst du „echtes Leder“? Oder ist das eine deiner angekündigten Wortschöpfungen?
Salmiakpastille hat geschrieben:
Keine Menschen, nur ein mürrischer Schaffner, der sich lässig aus dem Zug lehnend, den Bahnsteig auf Menschen inspizierte
Vielleicht „der sich lässig aus dem Zug lehnt und den Bahnsteig...“.
Ausserdem gefällt mir hier „mürrisch“ und „lässig“ im gleichen Satz nicht so gut, die beide den Schaffner beschreiben. Vielleicht „routiniert“ statt „lässig“, um anzuzeigen, dass er es nicht zum ersten Mal tut. Ausserdem beinhaltet „routiniert“ nicht die Konnotationen „locker“, „abgeklärt“, „leger“.
Soleil hat geschrieben:
Salmiakpastille hat geschrieben:
den Bahnsteig auf Menschen inspizierte Ein paar Bäume, deren
Satzzeichen entwischt
Ich glaube, nicht nur ein Satzzeichen. Im Folgesatz mit den Bäumen und Blättern scheint ein Verb zu fehlen.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich vermutete eine kleine Senke dahinter, sodass man den Rest des Dorfes nicht sah, obwohl mich auch die Sorge, nein die Angst ergriff, dass St.Martiné einfach nicht vermerkt war in meinem sonst lückenlosen Nachschlagewerk, da es einfach ein einzelnes Gebäude beschrieb, das aus irgendeinem, nicht nachvollziehbaren, Grund hier erbaut worden war.
Dieser Satz ist auch für mein Verständnis etwas zu lang.
Wenn ich ihn auseinander nehme, finde ich folgende Aussagen: Das Dorf scheint in einer Senke zu liegen; „Ich“ ist besorgt, weshalb das Dorf im lückenlosen Nachschlagewerk nicht eingetragen ist; eigentlich sollte nach Plan ein einzelnes Gebäude, statt dem Dorf hier stehen.
Drei Aussagen, also. Ich kann mir – nebenbei bemerkt – ausmalen, dass du an dieser Stelle ganz sanft auf etwas hindeuten möchtest

Hast du versucht, den uneindeutigen Hinweis zu verschachteln, damit er dem Leser nicht sofort auffällt? So kommt es mir vor. Das kann ein Weg sein, aber ich finde dass die drei Aussage im selben Satz – vor allem die erste mit der zweiten – nicht gut zusammenpassen. Vor allem wenn du ein „obwohl“ als Konjunktion verwendest. Wieso überhaupt?
Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich stellte mir vor, wie das Dorf einst voller Leben gewesen war, bis ein mächtiger Sturm oder eine Lawine nichts übrig gelassen hatten [Komma] bis auf einem kleinen, unscheinbaren Bahngebäude, in dem ein frustrierter Beamter verlassen und leise über Büchern brütend auf seine nahende Pensionierung wartete.
Ist es nicht „nichts
mehr übrig gelassen hatten“? Ausserdem bin ich mir nicht sicher, ob man hier „hatte“ statt „hatten“ verwenden könnte. Meinem Sprachgefühl nach Ersteres, aber ich kann mich auch täuschen.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Gequält lächelte ich über diesen Gedanken und malte mir das Bild eines älteren Mannes mit Halbglatze, Schnurrbart und Lesebrille, der über einen dunklen Schreibtisch gebeugt im notdürftigen Licht einer halb abgebrannten Kerze sitzt.
Malt er das wirklich, oder
malt er es sich nur
aus? Wenn Letzeres, dann würde ich nach „Lesebrille“ das „aus“ noch ergänzen.
Salmiakpastille hat geschrieben:
In meinem Rücken fuhr der Zug wieder an. Ein Lärm erfüllte die Luft, durchschnitt die wunderbare Landschaft, wobei die Bahn sich röhrend in Bewegung setzte, sich wie eine Raupe langsam eine Steigung hinauf quälte.
Schön!
Salmiakpastille hat geschrieben:
Noch einige lange Augenblicke sah ich meinem letzten Ausweg von hier hinterher. Sah wie die metallene Schlange sich um eine Kurve wand und schließlich aus meinem Blickfeld verschwand
„wand“ und „verschwand“ reimt sich hier unnötigerweise. Vielleicht könntest du das eine oder andere durch ein anderes Verb ersetzen.
Salmiakpastille hat geschrieben:
[...] sowie eine hölzerne, grün angestrichene, beklinkte Tür mit einem Fenster, durch das [...]
Was ist „beklinkt“?
Salmiakpastille hat geschrieben:
Ich war erleichtert [Komma] nicht umsonst hergekommen zu sein [Komma] und mein tatendurstiges Herz machte einen leichten Sprung.
Die Kommas sind optional, aber meiner Meinung nach ist das „nicht umsonst hergekommen zu sein“ eingeschoben, deshalb Kommas.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Bevor ich mich jedoch ins Abenteuer stürzen konnte [Komma] musste ich erfahren, wann denn mein morgiger Zug kommen würde.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Also ging ich zu der kleinen Tafel, an der ein Papier hinter einer Plexiglasscheibe festgemacht war. Auf dem gelben Zettel, auf dem in schwarzen komplizierten Lettern geschrieben war, hieß es, wie ich nach einiger Übersetzungsarbeit mithilfe meines Wörterbuchs rausfand: „Ankunft der Fremden: 17:22“
Herrlich irreführend!
Salmiakpastille hat geschrieben:
Gezwungener Maßen rang ich mich dazu durch meinen Notizblock aus der Tasche zu stöbern [...]
„Gezwungenermaßen“
Salmiakpastille hat geschrieben:
Erst nach einigen, ungeschickten Kreisen, die sich zu einem faserigen, wabernde, dicken Kreis verbanden, getraute ich mich zur Tür zu schreiten, die Klinke mit unruhiger Hand nach unten zu drücken und das Tor zur Welt aufzustoßen.
„wabernden“
Schön finde ich im übrigen, wie aus der einfachen Tür ein „Tor zur Welt“ wird!
Salmiakpastille hat geschrieben:
Zierliche Metalltische und Drumherum Korbstühle, in denen Café schlürfende Gäste sich lauthals auf Französisch Worte zuwarfen.
„Drumherum“ ist hier kein Substantiv, deshalb klein. Du könntest auch „rundherum“ verwenden.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Es roch angenehm nach Backwaren, nach Zimt und knusprigem Blätterteig, nach Croissant und Kuchen, nach dem bitteren Aroma von Café, nach Waschmittel und warmen Stein.
Vielleicht besser „Croissant
s“, weil in der Mehrzahl. Und „warme
m Stein“.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Und als ich das Dorf überblickte schätzte ich auf vierhundert Häuser, die sich idyllisch vor mir ausbreiteten.
Entweder: „schätzte ich ihre Anzahl auf etwa vierhundert Häuser“, oder das „auf“ gleich weglassen. „Auf etwas schätzen“ gibt es als alleine stehenden Ausdruck, meines Wissens, nicht.
Salmiakpastille hat geschrieben:
Dann und wann ragte ein Türmchen aus der Dächerfläche hervor und die gesamte Szenerie war gebadet in das sanfte Rot der Abendsonne.
Alles wirkte so irreal, märchenhaft und trotzdem: Ich war zufrieden und saugte alles wissbegierig in mich ein, damit mir auch nichts entging.
Ein schöner Schluss, der dem Leser einiges bietet. Sowohl etwas über die unterschwellige Stimmung, die über dem Dorf liegt, als auch zum etwas naiven, nichtsahnenden Protagonisten.
Schliesslich finde ich auch den Titel interessant, jetzt, wo ich den Text ausführlich durchgesehen habe. „Die Entzauberung der Welt“. Und dennoch legst du mit deinem blumigen Stil eine Art Zauber über das Dorf. War das beabsichtigt? Auf alle Fälle hebt das das mulmige Gefühl, dass mit dem Dorf etwas nicht stimmt, schön hervor.
Ich freue mich auf alle Fälle schon auf die Fortsetzung!
Gruss Vega