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Kapitel 1 – Von Schraten und Najaden
[align=right]"Es gibt ganze Horden von diesen Ungeheuern, die von Ära zu Ära fortbestehen - bloß sich ernähren vom Blut der Lebenden!"[/align][align=right]Filmzitat[/align]
Ein paar Stunden später, ein paar Meilen weit entfernt.
In seinen Ohren dröhnt Placebo. Paul ist die große Runde gelaufen: Vorbei am See, an der alten Ruine, vorbei an den verlassenen Bauernhäusern und Stallungen, wo sie früher für die Schlossherren geschuftet haben.
Heute gibt es keine Schlossherrn mehr auf Scarefield Manor, denn Scarefield Manor ist eine Schule geworden, ein Internat für die Brut der gehobenen Mittel- und Oberschicht. Hier treffen Ärzte- und Anwaltskinder auf Hochwohlgeborene und Politikerbälger. Und irgendwo dazwischen wuseln ein paar wenige Stipendiaten wie Paul herum. Intelligenzquotient: 122, Bestnoten in allen Fächern. Außerschulisches Engagement: Vorbildlich.
Als Paul dreizehn gewesen ist, ist sein Dad gestorben. Irgendeine Herzgeschichte, die Paul zum Glück nicht geerbt hat, obwohl er seinem Dad ansonsten ziemlich ähnlich sieht. Das sagen zumindest alle in seiner Familie, wenn sie ihn dann und wann zu Gesicht bekommen, vor allem seine Mum, sie natürlich mit Tränen in den Augen. Sie arbeitet als Sprechstundenhilfe bei einem Ophtalmologen in Southampton und hat sich für ihren Sohn immer ein Bein ausgerissen, doch genau gewusst: Achthundert netto, Sozialbeihilfe, Zweizimmerwohnung. Für Eaton reicht das nicht!
Dann ist der Brief aus Scarefield gekommen und noch heute atmet sie erleichtert auf: Wenigstens Paul stehen alle Möglichkeiten offen! Das Stipendium ist ein Segen gewesen und seit jenem Brief ist Mrs Foster jeden Sonntag in die Kirche gegangen: Wie heißt es so schön: Wenn Gott eine Tür zuschlägt, macht er irgendwo ein Fenster auf.
Wie auch immer...
Paul schwitzt kaum, die Luft ist kalt – eisig kalt! Seine Sweatjacke bis zum Hals zugezogen ist er jetzt schon auf der Straße, die die Schule mit der nächsten Ortschaft Slisstown verbindet. Er überquert die alte Brücke und lugt im Vorbeilaufen über das Geländer. Das Flüsschen rauscht schnell und laut unter den brüchigen Kopfsteinen her und reißt Laub und Dreck mit sich.
Die Sonne scheint am klaren Himmel. Für den Abend haben sie aber Sturm angesagt, mehr noch: Orkan. Das wird Billy nicht gefallen, denkt Paul. Billy hasst Stürme und vor allem Gewitter.
Um ihn herum türmen sich jetzt schon wieder majestätische Wälder - tot und steinern vom überraschenden, ersten Frost. Er folgt der Straße noch zwei Kilometer, grüßt lässig Shirley Farrely, Charlys Freundin, die ihm in ihrem Jaguar entgegenrast (ja, ihre Eltern sind Anwälte – aber sie ist okay. Alle aus der „Clique“ sind okay).
Schließlich passiert er die offen stehenden, mit starren, blätterlosen Efeuskeletten überwucherten Eisentore und kann es nicht unterdrücken. Es ist immer das gleiche Gefühl, derselbe schauderhafte Moment, wenn sich das altehrwürdige senffarbene Schloss aus Sandstein und Granit mit seinen Türmen und Zinnen vor ihm erhebt wie ein Moormonster aus Lehm und Schlamm. Was da zwischen den Fugen und Kanten, in den kleinen Erkern und Eckchen steckt, sind tausend Jahre Geschichte. Traditionen und Werte längst vergangener Tage, konserviert für die Ewigkeit. Eben ein walisisches Internat – streng, erfolgsorientiert, tra-di-tionell.
Dieses letzte Wort muss man lernen wie eine Fremdsprache, muss sich zurechtfinden mit Konventionen und Umgangsformen, die heute völlig fremd wirken. Paul ist das schnell gelungen. Er hat sich gut eingelebt, obwohl er über keinen Adelstitel oder ein dickes Konto verfügt.
Unter seinen Turnschuhen knirscht nun der Kies. Er läuft über den Hauptweg, der direkt vom Tor zum Haupteingang führt. In dem riesigen Hauptgebäude befinden sich sämtliche Unterrichtsräume, die Wohnungen der Lehrer, die Krankenstation, im Keller die Sport- und Schwimmhalle, die „administrativen“ Einrichtungen wie Direktorat und Hausmeisterbüro. Von den vierhundert Schülern kommen dort aber nur knapp hundert unter, Paul ist einer von ihnen und bewohnt zusammen mit Charly und Billy ein Apartment im vierten Stock. Der Rest der Schülerschaft ist in zwei anderen, neueren Gebäuden untergebracht. Jungen und Mädchen wohnen natürlich nie auf einer Etage! Wo kämen wir denn dahin!
Neben dem Kiesweg: Gartenanlagen. Linden, Hecken, Beete – alles im Vorwinterschlaf, manches schon kahl, manches noch in Herbsttracht. Scarefield wirkt am besten im Herbst!
Dann, wenn die Gärtner mit dem Laubfegen nicht hinterherkommen.
Dann, wenn sich auf dem Rasen eine Flickendecke aus Gelb und Braun fest getrampelt hat.
Dann sieht alles so aus wie ein barockes Gemälde. Dann herrscht Vanitas.
Auf den Rasenflächen spielen einige Fußball. Es ist Mittagspause. Um drei geht der Unterricht weiter – nur noch eine Stunde Englisch (hurra!) - dann ist Wochenende.
Paul erkennt seine Freunde schon von weitem. Sie haben sich auf einer der Bänke breit gemacht, die den Kiesweg flankieren. Er verlangsamt seinen Schritt und geht auf sie zu.
Charly, Billy und Halle sehen breit grinsend auf.
„Hey Leute“, sagt Paul und macht die Jacke auf.
„Hey“, erwidert Halle. Sie ist klein, hat langes, dunkles Haar, bemerkenswert schwarze Augen. Billy ist in sie verknallt, seit sie 15 sind. Sie auch in ihn, aber keiner von beiden würde das jemals zugeben. Beide verfügen über „starke Charakter“, die sich wie gleich geladene Magneten abstoßen und umeinander her tänzeln. Ein pubertäres Ränkespiel, das den anderen schon lange auf die Nerven geht.
„Warum grinst ihr so?“, fragt Paul verunsichert.
„Nur so“, meint Billy (er könnte vom Aussehen her Pauls älterer Bruder sein, ist aber draufgängerisch, manchmal derb. Das Wort „Schüchtern“ kennt er nicht) und beißt in sein Sandwich. Grinsen und Essen geht nicht gleichzeitig, der halbe Salat fällt ihm aus dem Mund.
„Was habt ihr denn?“, fragt Paul.
„Man sucht dich“, meint Charly (einer der wenigen Schwarzen an Scarefield. Seine Mum ist eine der renommiertesten Kardiologen des Landes und bereits vor zwanzig Jahren von Nairobi nach London gekommen. Charlys IQ ist noch etwas höher als Pauls – einem Test zufolge vier Punkte höher. Billy witzelt immer, dass diese vier Punkte nur von der Brille kommen.)
Pauls Ohren werden rot.
„Ja, man hat sich nach dir erkundigt“, sagt Halle.
„Was wollte sie?“, fragt Paul lächelnd, macht dem Spielchen ein Ende.
„Sie hat sich erkundigt, ob du mit ihr ein wenig für die Matheprüfung lernen könntest“, meint Halle und verkneift sich das Grinsen.
„Ich sehe sie ja gleich in Englisch“, sagt er beschwichtigend und hofft, das Thema damit erledigt zu haben.
Billy bohrt aber gerne weiter: „Paul, du brauchst ne Freundin Wir alle mögen ja deine schüchterne, altkluge Ausgeglichenheit, aber mal ehrlich. Du musst mal etwas aus dir herauskommen, Mann! Und ich will ja nichts sagen“, dabei macht er große Augen, „Diane! Für die würde Charly sogar Shirley verlassen!“
Billy fängt sich von Charly einen sanften Schlag auf den Hinterkopf ein und lacht.
„Sie ist... wohoo!“ Billy heult wie ein Werwolf. „Nein mal ehrlich. Deine derzeitige psychologische Konstitution und dein notorischer Perfektionismus deuten ganz klar auf eine Karriere als wahnsinniges Genie oder Diktator hin.“
„Was?“, fragt Halle grinsend von der Seite.
„Ja, er braucht eine starke, weibliche Person an seiner Seite, die seine niedrigen, männlichen Begierden befriedigt und nicht nur seine intellektuellen. Er braucht eine Eva Peron, eine Elizabeth Frankenstein, eine Cornelia Aggrippa!“, sagt er, fuchtelt dramatisch mit den Armen herum und verstreut dabei eine Unmenge Sandwichbelag. Charly schnippst Brotkrümel von seinem Mantel.
„Ich weiß nicht, wie du immer auf so einen Schwachsinn kommst, Billy, aber würdest du nur etwas von dieser Geistesgegenwart in einer der Stunden von Dr. McMallothem aufbringen – du wärest der King!“, meint Paul.
„Ach, komm!“, sagt Billy. „Es geht hier nicht um Schule, Prüfungsnoten und Hausarbeiten. Hier geht es ums Leben. Le-ben“, buchstabiert er. „Mach was draus, wenn ihr zwischen den ganzen alten Büchern in der Bibliothek hockt. Wenn sie unterm Tisch mit ihren Füßen an deinen Beinen hochfährt und dir mit ihrem Schmollmund die süßesten Fragen über Integralrechnung stellt. Wenn du daraus nichts machst, Paul, dann bist du ein Idiot. Und das werde ich dir nicht buchstabieren.“
„Nein, das tätowieren wir dir auf die Stirn, wenn du mal wieder über deinen Hausaufgaben eingeschlafen bist“, meint Charly.
„Ihr seid so blöd“, sagt Paul und lacht laut. „Und bevor du“ - er deutet auf Billy - „mir irgendwelche Ratschläge gibst, solltest du mal vor deiner eigenen Tür kehren." Er sieht zu Halle. „Da wartet nämlich eine süße, kleine Brünette und säuselt dir mit ihrem Schmollmund ganz andere Sachen zu.“
Halle kann vor Lachen kaum an sich halten und kippt bei dem blöden Gesicht, das Billy macht, fast von der Bank.
„Ich muss noch duschen. Bis gleich“, sagt Paul grinsend und macht sich auf den Weg zum Hauptgebäude. Er tritt in die riesige Eingangshalle. Hier und da gibt es lederne Sitzgruppen, die alle von Schülern in Beschlag genommen worden sind. Es herrscht ein ehrfürchtiges Summen von leisen Stimmen in dieser Kathedrale des ehrwürdigen Wissens. Paul hält sich links, betritt das noch wie Möbelhaus riechende, gläserne Treppenhaus. Vor drei Jahren ist Scarefield renoviert worden. Einige der modernen Anbauten wie dieses Treppenhaus wirken wie Fremdkörper.
Paul trifft auf der Treppe auf einige aus seinem Jahrgang. Kurzer Smalltalk. Er ist recht beliebt. Als er vor fünf Jahren hierher gekommen ist, hat er Angst vor den Reichen und Berühmten gehabt, dann aber schnell Anschluss gefunden. Nach ein paar Wochen sind er und Billy schon unzertrennlich gewesen. Solche Freundschaften sind fürs Leben, denkt er. So etwas, was sich da mit Diane anbahnt – na ja. Ja, sie sieht gut aus. Ja, sie ist klug. Ja, er mag sie, aber es würde ihn aus der Bahn werfen und das mag er nicht.
Vielleicht hat Billy Recht. Jahrgangsbester, Aussichten auf einen Studienplatz in Oxford. Mach doch mal Urlaub, Paul!
Gedankenversunken steht er schon in seinem „Wohnzimmer“, das in der Hausordnung offiziell „Räumlichkeit zum gemeinsamen Studium“ heißt, aber hier steht eine gemütliche Couch, da ein Sessel. Sie haben einen Fernseher und eine Stereoanlage. Mit gemeinsamem Studium hat das nicht viel zu tun, das ist eher eine Ruhezone. Jede dieser Schülerwohnungen ist für vier Personen ausgelegt. Es gibt jeweils noch zwei Schlafzimmer, in denen man wirklich nur schlafen kann, so klein sind sie. Letztes Jahr ist Harry Wineberg nach Australien gegangen und seitdem bewohnt Charly sein Schlafzimmer alleine, es sei denn, er bekommt nächtlichen Besuch von Shirley. Man kann sich vorstellen, was dazu in der Hausordnung steht...
Paul geht in sein Zimmer, schnappt sich ein Badehandtuch aus dem Schrank und die Schuluniform. Die halbnackten Frauen auf den Postern aus einschlägigen Magazinen über Billys Bett lächeln lasziv. Damit will er nur Halle foppen, denkt Paul grinsend.
„Ladys!“, sagt er mit einer leichten Verbeugung und verabschiedet sich von ihnen.
Es knackt in der Gegensprechanlage.
Die hohe, metallische Stimme meldet sich. Noch etwas schläfrig.
„Ich denke, ich habe mich genug ausgeruht, Beltheza. Könnten wir ein kurzes Briefing einschieben?“
Sie drückt auf den Knopf.
„Natürlich, Großupir. Sofort.“
Sie hat schon seit vier Tagen nicht mehr geschlafen, aber das macht nichts. Zur Not kann sie drei Wochen ohne Schlaf auskommen. Das ist einer der Vorteile des Virus und einige Workaholics würden sie darum beneiden.
Leider sind die Nachteile (der ständige Durst, die Lichtempfindlichkeit) ebenso hartnäckig und um so schwerer zu ertragen. Sie sammelt konzentriert die wichtigsten Unterlagen zusammen, verlässt ihren Schreibtisch, verlässt ihr Büro.
Sie schreitet mit schnellem, geschäftsmäßigem Schritt den vertäfelten Flur herunter, folgt den im Spalier stehenden Ritterrüstungen und dem purpurfarbenen Teppich.
Dann – ein Stilbruch in Sachen Einrichtung.
Vorbei an zwei Uniformierten, die vor ihr salutieren, betritt Beltheza die Einsatzzentrale. Die Ritterrüstungen, Gemälde und wuchtigen Möbel, die hier gestanden haben, sind den langen Reihen von Terminals und Schreibtischen gewichen. Der Raum ist natürlich abgedunkelt. Nur der Schein der Monitore auf den Tischen und der des riesigen Bildschirms an der Front des Raumes erhellen gespenstisch die Düsternis dieser Halle.
Ständige Dämmerung.
Hier herrscht eine angespannte Unruhe. Manche diskutieren gedämpft, manche geben Instruktionen, manche hämmern auf ihren Tastaturen herum.
Beltheza geht durch die Reihen, vorbei an dem monströsen Bildschirm, auf dem jetzt die Karte des Operationsgebietes schimmert, klopft kurz an.
Ein Bruder in schwarzer Uniform macht auf. Das alles ist eine paramilitärische Aktion. Die Uniformen sind nicht die gleichen, die sie im Bürgerkrieg getragen haben. Man will nicht an alte Zeiten erinnern.
„Zum Großupir“, sagt sie und der Soldat verneigt sich.
„Ja, Ma‘am.“
Noch ein weiterer Flur im Mittelalterstil, ein letztes Klopfen.
Dann der eisige Hauch, der ihr entgegen weht, wenn sie sein Zimmer betritt – ihm ganz nah ist. Hier ist es absolut dunkel. Selbst ihre mutierten Augen (sie erreichen durch den Virus eine schnellere und präzisere Dunkeladaption) sehen rein gar nichts.
„Entschuldige bitte, ich mache es etwas heller“, flüstert das Ungeheuer.
„Das wird nicht nötig sein, Großupir“, sagt Beltheza mit fester Stimme. „Gibt es hier einen -“
Wieder flackert einer dieser Bildschirme auf – direkt an der Wand neben ihr.
Ein Siegel erscheint. Ein Mond, bleich und stolz, taucht eine erlöschende Sonne in ein Meer aus Blut.
Ein uraltes Symbol. Das Ratssymbol.
„Danke, Großupir.“ Sie kann die Fakten im Schlaf zusammenfassen. „Wir haben es jetzt 14 Uhr 37. Die Operation ist vor drei Stunden angelaufen. Unser Informant innerhalb des Komplexes steht mit uns in Verbindung und unterrichtet uns in regelmäßigen Abständen. Unsere Schraten und Najaden-Späher erkunden das Gebiet und bereiten derzeit die Landung der Stoßtruppen vor. Die Undinen haben plangemäß das Abwassersystem infiltriert.“
Das hohe Flüstern: „Es ist gewährleistet, dass niemand fliehen kann?“
„Natürlich, Großupir. Die Weren halten Wort und patrouillieren ab heute Abend um 17 Uhr um das Einsatzgebiet. Im Tageslicht bringen sie uns natürlich nicht viel. Aber der Zufall kommt uns zur Hilfe.“
„Seit wann verlassen wir uns auf Zufälle?“, kommt etwas vergnügt aus der Finsternis.
Sie lächelt kalt, übergeht die Bemerkung.
„Es ist ein Vorteil, den wir für unsere Zwecke nutzbar machen können. Wetterkarte, englischer Wetterdienst“, befiehlt sie in Richtung Monitor. Die aktuelle Wetterkarte erscheint. Sie deutet auf ein massives Tiefdruckgebiet „Das da ist eine der größten Sturmfronten der letzten zwanzig Jahre. Sie trifft in diesem Moment auf die Westküste und wird heute Abend das Operationsgebiet erreichen. Es werden Regenfälle von sintflutlichem Ausmaß erwartet. Keiner wird auf die Idee kommen, dass die Undinen die Brücke zerstört haben. Alle werden denken, der Fluss hätte sie weggespült.
Dann sitzen sie in der Falle.“
„Und wann beginnt die eigentliche Operation“, flüstert es fast atemlos vor freudiger Erwartung.
„Heute Nacht wird der erste Teil unserer Truppen landen, sich verschanzen und auf morgen Nacht warten. Dann beginnen wir mit der Infizierung. Wir werden gegen 23 Uhr aufbrechen, wenn Ihnen das recht ist.“
„Das ist mir sehr recht.“
„Gut. Haben Sie noch Fragen, Großupir?“
„Nein, ich denke, das wäre alles. Zumindest für den Moment.“
Sie nickt respektvoll.
„Ich bin sehr stolz auf dich, Beltheza. Du profilierst dich in diesem Unternehmen.“
Sie nickt noch einmal, dieses Mal dankbar. Dann fasst sie sich ein Herz, fragt mit nicht mehr ganz so fester Stimme: „Darf ich eine Prognose stellen, Großupir?“
„Oh sehr gern, Beltheza. Erbaue mich mit deinen klugen Überlegungen.“
Sie zögert zuerst, dann eine vorsichtige Formulierung:
„Ich befürchte, dass wir diese Sache nicht ungestört durchziehen können.“
„Ja, das denke ich auch.“
„Der Hohe Rat wird sich uns früher oder später doch noch in den Weg stellen. Alden wird seinen Einfluss geltend machen und unsere, doch sehr seichte Mehrheit kippen.“
„Alden ist ein Verräter“, zischt es verärgert aus der Dunkelheit. „Er ist ein Verräter an seiner Rasse.“ Dann fügt es ruhig – fast liebenswürdig hinzu: „Wir werden geeignete Mittel finden, um das Problem dieser – wie du es so schön sagst - ‚seichten‘ Mehrheit zu lösen.“
Sie verneigt sich und verlässt die Dunkelheit.
Wenn man sich lange in seiner Nähe aufhält, bekommt man Kopfschmerzen. Irgendetwas telepathisches. Sie greift dann immer auf Tabletten zurück, aber nicht Aspirin, denn seine blutverdünnende Wirkung wäre fatal!
Dr. Erica McMallothem ist eine Schottin, wie sie im Buche steht.
Ihr trockener Humor, ihre Fachkenntnis und ihre unbestechliche, gerechte Strenge paaren sich zu einer herben, landestypischen Liebenswürdigkeit.
Sie ist klein, altjüngferlich (kurz vor der Pensionierung), und die Brille auf ihrer spitzen Nase scheint ihr gnomhaftes Aussehen nur unterstreichen zu wollen.
In ihrem Hörsaal ist es immer stickig, selbst wenn es draußen schon friert und sich an den schäbigen Fenstern Eiskristalle bilden.
Sie besprechen Literatur der Jahrhundertwende, viktorianische Gesellschaft im Kontrast zu aufrührerischer, fantastischer Literatur.
Zeit für Bram Stoker.
Zeit für den klassischen Horrorroman: Dracula.
Während Paul sich eifrig Notizen macht und es vermeidet, zu Diane rüber zu sehen, starrt Billy neben ihm an die Decke und schläft schon fast.
Die sonore Stimme von Professor McMallothem, während sie auf ihrem kleinen Podium hin- und her spaziert:
„Daher werden wir uns in den nächsten Stunden mit den etymologischen Ursprüngen des Begriffes ‚Vampir‘ befassen. Wir gehen zurück zu den Ursprüngen dieses Mythos, hören Thesen und Erklärungsversuche aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen – der Medizin, der Volkskunde, Slawistik und so weiter – und werden uns selbstverständlich mit der Symbolik des Vampirismus beschäftigen, vor allem vor dem Hintergrund des späten Puritanismus im Viktorianischen Zeitalter. Eine Symbolik, über die uns Mr Thornton in der letzten Reihe sicherlich gerne eine kleine Einführung geben möchte, da er den Aufsatz von Doyle zu dem Thema bestimmt verinnerlicht hat. Darf ich Sie kurz wecken, William?“
Halle kichert leise, Charly stößt Billy in die Rippen, Paul kritzelt schnell drei Buchstaben ( SEX!) auf seinen Block und schiebt ihn Billy hin. Der liest es, überlegt kurz und fängt mit einem langgezogenen „Ähm“ an.
„Nun, im Grunde geht es doch darum, dass Stoker in seinem Buch Kritik an der erotischen Komponente des Vampirbisses übt“, stammelt Billy, während er sich daran zu erinnern versucht, was in Doyles Essay über den verdammten Roman gestanden hat.
„Ach!“, meint Dr. McMallothem lächelnd. „Tut er das?“
„Klar“, meint Billy und grinst verlegen. Seine Ohrläppchen verfärben sich rosa.
„Oh – lassen Sie sich nicht aufhalten, Mr Thornton. Erleuchten Sie uns mit Ihrer charmanten Zusammenfassung dieses Textes. Und bauen Sie nicht auf das erlösende Klingeln! Die Stunde dauert noch fast zehn Minuten.“
„Nun, ich würde sagen, dass die wilde, zügellose Art des Bisses, wie wir sie in der Mythologie und in dem Roman von Stoker finden, für die spätpuritanische Haltung der viktorianischen Gesellschaft mit ihren veralteten Wertvorstellungen und Traditionen etwas skandalöses, vielleicht auch abstoßendes haben musste“, führt Billy aus und Paul muss lächeln. Billy ist nicht blöd. Er ist ein Überlebenskünstler.
„Stoker übt mit den Konsequenzen, die ein solcher Biss für das Opfer hat, Kritik an dieser Zügellosigkeit. Er ist also Traditionalist! Mit den ganzen religiösen und christlich-fundamentalistischen Passagen, vor allem bei der Beschreibung von Professor van Helsing, stellt er sich auf die Seite einer asexuellen, christlichen Gesellschaft, die das Chaos und jegliche Form von erotischer Anspielung verachtet.“
Stille im Auditorium. Alle sehen zu Billy, der seinen Monolog beendet hat und sich duckt, als würde Dr. McMallothem gleich mit vergifteten Pfeilen schießen.
Aber die schüttelt nur den Kopf und sagt verschmitzt: „Mr Foster muss Ihnen also nur ein Wort auf einen Schmierzettel kritzeln und das animiert sie zu derartigen Ausführungen? Höchst interessant, Mr Thornton. Ich werde wohl in nächster Zeit öfter auf ihre spannenden Gedankengänge zurückkommen. Zurück zum Roman.“ Sie geht zur Tafel und die Kreide quietscht über den Schiefer.
Billy flüstert Paul zu: „Wie konnte sie von da vorne sehen, dass du -“
„Sie ist eine Katze“, flüstert er. „Eine alte Katze mit Argusaugen -“
„und einem verdammt gutem Gehör, Mr Foster“, vervollständigt Professor McMallothem, ohne sich von der Tafel umzudrehen. Alle lachen.
Paul läuft rot an, erst recht, als Dianes und sein Blick sich streifen.
Das Lachen verstummt jäh, als Charly plötzlich aufspringt.
„Was soll der Mist denn?“, ruft er und fährt sich durchs nasse Haar.
Alle drehen sich zu ihm um.
„Was gibt es denn, Mr Boyle?“
Von der Decke tropft es auf Charlys Pult. Erst nur ein wenig, aber dann regnet es einen seltsam dünnen Bindfaden herunter. An der Decke ist kein Loch oder bröckelnder Putz zu sehen, es tropft einfach so herunter.
„Da muss ein Rohr gebrochen sein“, meint Paul und streckt die Hand in das Rinnsal. „Wir sollten dem Hausmeister Bescheid sagen.“
Das sagt er zu Dr. McMallothem und dreht sich zu ihr um, aber sie starrt wie gebannt zur Decke. Rührt sich keinen Zentimeter. Ihr Gesicht hat sich seltsam verfinstert, wirkt fast steinern. Sie presst die Lippen aufeinander.
„Doktor?“, fragt Paul.
„Meine Damen und Herren. Der Unterricht ist beendet“, sagt sie knapp und mit einer ungewöhnlichen Unruhe in der Stimme, ohne den Blick von dem Wasserstrahl zu nehmen. „Sagen Sie dem Hausmeister Bescheid und bereiten Sie für Montag das nächste Kapitel vor.“
Sie dreht sich auf dem Absatz um, schreitet schnell und wortlos durch den Hörsaal, murmelt noch so etwas wie „Schönes Wochenende“.
Alle sehen ihr irritiert nach, als sie die Tür zu ihrem Dienstzimmer zuschlägt.
„Und was war das jetzt?“, fragt Halle Paul, als sei er ein allwissender Guru.
Paul schüttelt nur den Kopf.
„Wechseljahre“, meint Billy nur.
„Na, da ist sie wohl schon etwas zu alt für“, entgegnet ihr Halle.
Sie schultern ihre Taschen und verlassen zusammen mit den anderen den kleinen Hörsaal. Irgendjemand hat noch schnell einen Eimer unter das unsichtbare Loch gestellt, aber es hat anscheinend schon wieder aufgehört.
In dem Gewühl vor der Tür spürt Paul plötzlich ein eiskaltes Händchen, das sich in seine Hand schiebt.
„Hey du, ich habe dich gesucht“, sagt Diane und küsst ihn auf die Wange.
Bleib locker, ermahnt sich Paul. Zu spät – schon siehst du aus wie eine Tomate.
„Ja, war joggen“, stammelt er. Die Menge verläuft sich auf dem Flur.
„Ich glaube, Mathe bringt mich um. Kannst du mir vielleicht etwas unter die Arme greifen?“, fragt sie lieb und legt ihre Hand auf seine Brust.
„Solange du ihr nur unter die Arme greifst, solltest du ‚Ja‘ sagen, Paul“, sagt Billy im Vorbeigehen und gibt sich keine große Mühe, es leise zu sagen.
Diane senkt verlegend lächelnd den Kopf, Paul zeigt Billy hinter seinem Rücken den Mittelfinger.
Halle hat Erbarmen mit ihm.
„Lasst den Blödmann doch. Warum kommst du nicht heute Abend vorbei, Diane?“, fragt sie herzlich. Bei Halle hat jeder das Gefühl, zu ihren besten Freunden zu gehören. „Wir schauen bei den Jungs Videos. Nach Integralen und Statistiken ist das doch eine nette Abwechslung. Ich verspreche dir auch, Billy das Maul zu stopfen, wenn er nicht die Klappe hält.“
Für einen Moment hasst Paul sie für diese Einladung. Aber dann erinnert er sich an „Le-ben“...
„Klar“, sagt Diane mit einem hinreißenden Lächeln.
„Schön“, meint Halle und sieht Paul mit einem Blick an, der soviel sagt wie „Ich habe das für dich klar gemacht. Vermassle es nicht!“
„Ich fahre mit den Jungs gleich noch runter ins Dorf. Brauchst du noch was, Paul?“, fragt sie schließlich.
„Ähm. Nein, nein. Denke nicht.“ Er stammelt sich einen ab und kommt sich total bescheuert vor.
„Gut. Viel Erfolg beim Lernen“, trällert sie zum Abschied und schiebt ab.
„In einer halben Stunde in der Bibliothek?“, fragt Diane.
„Klar. Bis gleich“, meint Paul.
Zeit genug, sich interessante Gesprächsthemen auszudenken, denn um Mathe wird es gleich wohl nicht gehen. Mist.
Als Paul durch den gläsernen Kubus in den vierten Stock geht, fängt es draußen schon an zu regnen. Es hat sich ziemlich schnell zugezogen und er ist von den Wolkentürmen und Monstern am Himmel dermaßen abgelenkt, dass er das dünne Rinnsal, das sich seinen Weg über die Stufen nach unten bahnt, gar nicht bemerkt.
Es ist Beltheza unangenehm, den Großupir zu wecken, aber das Dokument, das vor ihr liegt, ist brisant. Noch brisanter ist der Telefonanruf, den sie gerade bekommen hat und der sie in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat.
Ein abgekartetes Spiel, denkt sie. Verdammte Demokratie.
Es knackt wieder in der Leitung.
„Was gibt es?“
„Probleme, Großupir. Mir wurde gerade ein offizieller Rechenschaftsantrag zugesandt, der Sie augenblicklich vor den Hohen Rat zitiert.“
Stille am anderen Ende.
„Großupir?“
„Was denken die denn, was ich jetzt tun soll? Soll ich zurück nach London kommen oder was?“
Beltheza weiß nicht, wie sie es sagen soll.
Er wird wütend sein.
„Großupir“, sie zögert noch einmal, macht sich auf einen Ausbruch gefasst. „Ich habe gerade einen Anruf vom Wachposten B4 bekommen. Offensichtlich hat gerade eine Wagenkolonne das Haupttor passiert.“
„Was für eine Wagenkolonne?“, fragt der Großupir und klingt erschrocken, außer Atem.
Beltheza will nicht mehr um den heißen Brei herumreden.
„Großupir - der Rat ist unten im Rittersaal zusammengetreten. Alden hat das offensichtlich eingefädelt.“
Keine Antwort.
„Großupir?“
Nichts. Nur ein leises, röchelndes Atmen.
„Groß-“
„Wir werden diesen 'strigoi voi' nicht das Schicksal unseres Volkes überlassen.“ Die Stimme spuckt die Wörter hasserfüllt aus. „Beltheza, hör mir zu. Wir haben doch einmal über Plan B gesprochen. Du erinnerst dich?“
„Natürlich.“
Es knackt in der Leitung.
„Großupir?“
Nichts.
„Großupir?“
Die Leitung ist tot.
Sie legt den Hörer auf, erhebt sich aus ihrem schwarzen Ledersessel, schließt die Tür ab.
Dann atmet sie durch.
Hinter ihrem Schreibtisch hängt das Bild eines der großen Urväter ihres Volkes aus Zeiten, in denen der Virus nicht so stark mutierte. Aus Zeiten, in denen sich ihr Volk nicht auf Inzucht und Gentherapie verlassen musste. Sie geht hin zu diesem finster dreinsehenden Mann auf dem Gemälde. Heute sieht er anders aus. Heute ist er schwach.
Sie klappt das Portrait beiseite, tippt eine Kombination ein, öffnet die Tür des Stahlsafes und zieht sich vorsorglich die Baumwollhandschuhe an.
Dann hebt sie die schwere, abgewetzte Aktentasche aus dem Safe.
Plan B...
Zuletzt geändert von P. Bahl am Do 23. Aug 2007, 18:18, insgesamt 7-mal geändert.
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