|
Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde
|
|
Seite 1 von 1
|
[ 11 Beiträge ] |
|
| Autor |
Nachricht |
|
Hans Werner
|
Verfasst: Do 06. Mai 2010, 18:28 |
|
| Taschenbuch |
 |
Registriert: Mi 27. Sep 2006, 16:59
Beiträge: 578
Wohnort: Schramberg
|
|
Joachim
Erzählung von Hans Werner
Nun will ich schreiben von einem jungen Menschen, den ich bis jetzt selbst noch gar nicht kenne. Ich weiß nicht, wie er heißt, wie alt er ist, welchen Beruf er ausübt und ob er glücklich oder unglücklich ist. Aber ich weiß, dass er jetzt gleich entstehen wird, mit jedem Satz, den ich niederschreibe. Er wird auferstehen zu seinem erstmaligen Leben. Denn bevor ich angefangen habe zu schreiben, hat er überhaupt noch nicht existiert.
Ich nenne ihn Joachim und er ist 17 Jahre alt. Er geht noch in die Schule, genauer gesagt, auf das städtische Gymnasium. Er ist nicht übertrieben groß, aber schlank und gut gewachsen. Blondes Haar ringelt sich um seine offene Stirn, und die Augen, von dunkelbrauner Farbe, blicken verträumt und arglos in die Welt. Seine Hände sind feingliedrig und wenn er spricht, dann hat seine Stimme etwas Weiches, sanft Betörendes. Man sagt ihm nach, dass es ihm leicht falle, die Sympathien anderer zu gewinnen. Aber wenn man etwas tiefer blickt, fühlt man in seinem Wesen eine gewisse Traurigkeit. Seine Kleidung ist aus gutem Stoff, aus festem, solidem Material. Denn seine Eltern hatten eine Tuchfabrik, die der Vater, ein scharf kalkulierender Geschäftsmann, mit beachtlichem Gewinn zu führen verstand. Nun steht die Fabrik, im Zeichen des allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs, verlassen da. Man hat sie schließen müssen, nachdem die Nachfrage in der Textilbranche zu schwächeln begonnen hatte. Aber die Eltern Joachims hatten längst ihr Schäfchen ins Trockene gebracht. Sie bewohnen ein nach allen modernen Wohnansprüchen renoviertes Bauernhaus in einem sehr romantischen Schwarzwaldtal. Früher war immer ein Zug vorbeigebraust, nun aber ist die Bahnlinie seit einigen Jahren stillgelegt. Busse fahren ab und zu und versorgen den Nahverkehr.
Joachim benutzt oft eine Art Moped, manche nennen sie auch Vespa. Aber der Autor will sich über Typ und Marke des Gefährts nicht verbürgen. Denn er ist kein Experte auf diesem Gebiet. Aber beim Schreiben sieht er Joachim zu, wie dieser auf sein Moped steigt und plötzlich vor einem älteren Wohnhaus in der Vorstadt halt macht. Er klingelt und kurz darauf öffnet sich ein Fenster im ersten Stock und ein dunkelhaariges Mädchen schaut heraus.
„Hallo, Joachim! Schön, dass du kommst. Ich bin gleich unten.“ In Joachims Seele schießt Freude auf. Er wird seine neue Freundin ausführen, irgendwohin in die umliegenden Schwarzwaldberge. Er hat auch schon eine Decke mitgebracht, denn er beabsichtigt, mit diesem Mädchen an einsamer Stelle zu knutschen. Diesen Ausdruck hat er von seinen Mitschülern übernommen, die den Umgang mit Mädchen sehr nüchtern zu beschreiben wissen. Eigentlich mag er diese schlotterigen modernen Wörter nicht, aber er fühlt, dass er sich anpassen muss, wenn er nicht den Kontakt zu der herrschenden Clique verlieren will. Obwohl als sympathischer Knabe überall gerngesehen, fühlt er doch, dass manche ihm die Schönheit neiden und ihn gerne ein bisschen wegschubsen würden. Manchmal hat er auch ein Gefühl, als ob manche ihn wie einen Weichling betrachten würden. Und so glaubt er immer, seinem Wesen eine gewisse Festigkeit geben zu müssen. Männlich will er sein, wenn er in seinem Innern es auch nicht ist. Aber, so meint er, es schade gar nichts, wenn er sich ab und zu eine Freundin zulegen würde, die ihm nach außen hin den Anstrich eines ganzen Mannes gäbe.
Liebt er Iris? Er kann es nicht sagen. Sowieso ist ihm dieses große Wort zu verdächtig. Allzu oft hört er es in den Schlagern und im Fernsehen. Aber er verlangt danach, mit einem Mädchen zu sprechen und sie ein bisschen an sich zu ziehen. Ein Mädchen denkt anders, das hat ihm einmal sein ehemaliger Freund gesagt, den er in einer früheren Klasse als Vorbild anhimmelte. Über diese Phase ist er nun längst hinweg und er muss darüber lächeln, dass er für einen Kameraden einst hat so viel empfinden können. Aber er will ihn nicht vergessen, aus Pietät zu seiner eigenen Lebensgeschichte, die er, obwohl noch jung an Jahren, sorgsam in seinem Gedächtnis aufzeichnet, weil er dunkel in sich fühlt, dass sie mit unbarmherziger Geschwindigkeit abrollen werde. Er spürt auch ganz deutlich, dass diese Lebensgeschichte einmalig sein werde. Und vielleicht ist hier auch der Kern seines Fühlens zu suchen. Ein wenig ist er nämlich in sich selbst verliebt. Wie der griechische Narziss betrachtet er sich gerne beim Baden in der spiegelnden blauen Wasserfläche und kann sich in sein eigenes Spiegelbild voller Entzücken verlieren. Dann wünscht er zuweilen, er selbst wäre ein Mädchen und würde dieses Spiegelbild umarmen und küssen. Das sind seltsame Vorstellungen. Er hütet sich wohl, irgendjemand davon Mitteilung zu machen, denn er fürchtet den Spott der andern, die so stark, stämmig und normal sind.
Und nun kommt Iris herunter. Auch sie ist schlank, obwohl man, bei näherer Betrachtung, eine gewisse Veranlagung zu molligen Formen entdecken kann. Aber das gefällt Joachim gerade und er bevorzugt so ein Mädchen vor all jenen Klassenkameradinnen, die einem übertriebenen Schlankheitswahn huldigen und schon in ihren jungen Jahren anfangen, sich sorgsam Pfunde abzuhungern. „Hallo, Iris! Ich freu mich, dass du Zeit hast.“
Dabei zieht er sie sanft zu sich heran und sie lässt es sich mit einem Lächeln gern geschehen. Er fühlt die Weichheit ihres Körpers und streichelt mit seiner Rechten ihr behutsam über Schultern und Rücken. Nun aber entwindet sich Iris aus seiner Umarmung, offenbar ist ihr seine Zärtlichkeit schon etwas zu weit gegangen. Aber in ihren Augen fühlt er ein sonniges Lachen und da blitzt ihm ein Temperament entgegen, das ihrem Gesicht den Reiz einer jungen Zigeunerin verleiht. Kräftiges dunkles Haar fließt ihr in weichen Locken um Stirn und Wangen.
„Komm, Joachim, fahren wir. Ich bin gespannt, wo du mich hinbringst.“ „Ja, das verrat ich nicht“, sagt er, denn, um ehrlich zu sein, weiß er es selbst noch nicht.
Es ist ein wenig seine Art, sich spontanen Eingebungen zu überlassen. Entscheidend für ihn ist, dass dieses Mädchen da ist und nun hinter ihm sitzt und ihm seine Arme um den Körper legt. Dieses Gefühl, dass er mit einem Mädchen zusammen ist und sie auf seinem Moped irgendwohin führt, ist ihm wertvoll und wichtig. Es ist das Wichtigste überhaupt, das Ziel spielt keine Rolle.
Er fährt los. Manchmal muss er sich stärker in die Kurven legen, weil Iris offenbar im Mopedfahren keine Übung hat. Denn sie ist steif und legt sich zu wenig in die Kurven. Vielleicht hat sie auch nur Angst.
„Du musst dich stärker in die Kurven legen, sonst trägt es mich hinaus.“ „Wohin trägt es dich denn?“, erwidert sie scherzhaft. „Mit Sicherheit in den Straßengraben oder, wenn es gut geht, auf eine Wiese.“ „Da will ich lieber auf der Wiese landen.“ „Dein Wort in Gottes Ohr.“ Und nun lachen beide. Denn vermutlich denken beide an dasselbe. Nach halbstündiger Fahrt sind sie in einem Waldstück angelangt. Joachim und Iris steigen von dem Moped und er nimmt vom Gepäckträger den braunen Teppich, den er vorsorglich mitgenommen hat. Sie schaut ihn an mit großen Augen: „Was hast du vor?“ „Nur zum Hinsetzen. Denn das Gras ist zu feucht.“ Auf einer freien Wiese einer Waldlichtung lassen sie sich nieder. Dann schauen sie sich zuerst einmal lange in die Augen. „Was nun?“, fragt sie. „Ich weiß nicht“, sagt er etwas betroffen. Danach legen sie sich beide auf den Teppich und sagen eine Weile gar nichts. „Warum hast du mich eigentlich eingeladen?“ „Weil ich allein bin.“ Darauf schaut ihn Iris lange unverwandt an und sagt: „Ich bin auch sehr allein.“ „Erzähl mir ein bisschen von dir und deiner Familie.“
Doch sie verfällt in längeres Schweigen. Aber ihre Augen werden feucht und erglänzen in verstohlenen Tränen, die sie wohl nicht zurückhalten kann. „Meine Eltern streiten häufig miteinander. Es ist wirklich schlimm.“ Er blickt sie teilnahmsvoll an. Dann fordert er sie auf, mehr zu erzählen und ihr Herz zu erleichtern. „Ach, weißt du, Joachim. Ich kenne dich ja kaum. Aber schon, als ich dich das erste Mal gesehen habe, dachte ich, den Jungen könntest du liebhaben. Aber ich weiß, wie gefährlich und unsicher die Liebe ist. Und ich muss dir sagen, vor diesem Gefühl habe ich eine Riesenangst.“ Er schaut sie lange nachdenklich an, bevor schließlich die Worte aus ihm herausdringen: „Auch ich hab Angst. Ich ahne, dass die Liebe etwas Wundervolles ist. Aber schlimm muss es sein, wenn sie zerbricht. Ich meine, wenn man enttäuscht wird.“ „Liebe sollte vielleicht nur kurz dauern“, sagt sie, „aber ihr ganzes Wesen strebt doch danach, dass sie nie endet. Ich verstehe es nicht. Ich sehe nur, wie es bei meinen Eltern ist.“
Sie seufzt und ihre Brust hebt und senkt sich. Lange liegen sie stumm nebeneinander und schauen sich abwechselnd gegenseitig an oder zum blauen Himmel hinauf. Eine Hummel fliegt dicht an Joachims Hand vorbei. Er hört ihr Summen und ergreift, wie in einem plötzlichen Entschluss, Iris‘ Hand. „Weißt du was, wir erzählen uns jetzt, wie es bei uns zu Hause ist. Wie unsere Eltern miteinander leben und was sie uns an gelebter Liebe vormachen.“ Sie richtet groß und erstaunt ihre Augen auf ihn. „Ja, das machen wir.“ Dann sagt er: „wer fängt an?“ „Du, denn du hast mich eingeladen.“ „Nein du, denn du hast das Gespräch auf dieses Thema gebracht.“ Und nun lachen sie beide herzlich. Schließlich ziehen sie Hälmchen. Das Los fällt auf Iris. Sie richtet sich auf, so dass sie wie eine junge Mutter zu Joachim sprechen kann, der neben ihr liegt und von unten her seine braunen Augen erwartungsvoll auf sie gerichtet hält.
„Du weißt, ich komme aus einer einfachen Familie. Meine Mutter ist Verkäuferin in dem Großmarkt, mein Vater schafft als ungelernter Arbeiter in einer Flaschnerei. Beide verdienen nicht viel und sie müssen sich abrackern, um die Miete bezahlen und sich ihren kleinen Lebensstandart leisten zu können. Manches haben sie auf Raten angeschafft, so den neuen Fernseher und auch die Spülmaschine. Meine Mutter kommt abends oft müde nach Hause und vertieft sich dann in einen der Basteiromane, jene Groschenhefte, die sie manchmal aus dem Großmarkt mitbringt. Oft beobachte ich sie beim Lesen. Ihre Augen werden feucht und dann denke ich mir immer, dass sie sich hier in eine Traumwelt flüchtet, romantische Liebesabenteuer erlebt, die ihr im eigenen Leben versagt bleiben. Mein Vater sitzt derweil vor dem Fernsehapparat und schaut sich Krimis oder Wildwestfilme an. Meistens trinkt er ein Bier dazu. Reden tun die beiden kaum etwas miteinander. Wenn es dann später wird, der Film aus ist und Mutter vom Lesen müde Augen bekommen hat, dann gehen sie nacheinander ins Bad und ins Schlafzimmer. Oft bekomme ich durch die Tür mit, dass sie miteinander schlafen. Manchmal streiten sie sich auch vorher. Ich glaube, meine Mutter würde gern öfter ihre Ruhe haben, aber er pocht auf seine ehelichen Rechte, wie er sagt.“ Joachim blickt nachdenklich in die Weite der fernen Schwarzwaldberge, die sich blau und dunkelgrün am Horizont abzeichnen. Dann murmelt er vor sich hin: „Ja, verheiratete Menschen sind oft unglücklich. Und es ist schlimm. Alle tragen doch die Sehnsucht nach der vollkommenen Liebe in sich und erstreben ein glückliches Leben zu zweit. Warum muss es dann soweit kommen?“ „Weißt du, Joachim, manchmal denke ich, dass das Leben die Seelen der Menschen aufzehrt. Ich weiß nicht, ob du mich verstehen kannst. Neulich setzte es zu Hause eine fürchterliche Szene. Vater hatte von Kollegen erfahren, dass sich seine Frau mit dem Filialleiter, einem jungen, agilen Typ, dem man nachsagt, er würde keine Gelegenheit zum Fremdgehen verpassen, eingelassen habe. Vielleicht hat er bei Mutter auch nur ein fremdes Männerparfüm gerochen oder sonst etwas hat seinen Argwohn erregt. Es stimmt schon, sie ist immer später heimgekommen, längst nach Ladenschluss. Ihrem Chef habe sie helfen müssen bei der Kassenabrechnung. Und dann hat Vater Mutter angeschrien und sie ist dann klein und reumütig in sich zusammengesunken und hat gestanden, dass ihr Chef sie bedrängt habe, weil sie immer wieder Lebensmittel mitgenommen habe, deren Verkaufsdatum abgelaufen war. Das sei Diebstahl, und er könne sie entlassen, fristlos. In ein Hinterzimmer habe er sie gezerrt und sie zu allem gezwungen, was eine Frau für einen Mann tun könne. Meine Mutter weinte bitterlich. Mein Vater war dabei, gegen seine Frau die Hand zu erheben. Ich warf mich dazwischen. Schließlich sagte mein Vater: weißt du denn nicht, dass in einem Maultaschenurteil die gefeuerte Frau ein Riesengeld bekommen hat. Das könnten wir gut gebrauchen, meinte er. Aber sie zuckte im Weinen auf und sagte nur, dass sie doch das alles nicht durchstehen könne. Wie auch nur solle man den Anwalt bezahlen. Und sie wolle doch alles lieber schamhaft verschweigen. Wenn er ihr nur verzeihen könne. Mit drohenden Augen hat er sie angeschaut und dann vor sich ins Schlafzimmer getrieben. Ich hörte an ihrem Schreien, dass sie von Vater brutal vergewaltigt wurde.“
Iris hat aufgehört zu sprechen. Alle die Worte sind stoßweise aus ihr herausgedrungen. Nun legt sie sich zurück und weint vor sich hin. Dann wendet sie sich Joachim zu. „Jetzt weißt du alles. Jetzt bist du an der Reihe.“ Joachim hat sich aufgesetzt und schaut lange in die sommerlich blühende Landschaft. Es scheint, als ob er seinen eigenen Atem belausche. Schließlich richtet er seinen Blick auf Iris und fängt an zu erzählen.
„Dass ich aus vornehmem Hause komme, weißt Du. Meine Mutter ist sehr belesen und besucht viele Kurse der Volkshochschule. Sie verkehrt in den besseren Kreisen und lässt sich immer wieder einladen, manchmal mit Vater, manchmal auch ohne ihn. Oft verstreicht eine ganze Woche, bis ich Mutter und Vater zu Hause sehe. Meistens sind sie weg, entweder zusammen oder jeder für sich. Gestritten wird bei uns nie. Nie höre ich ein böses Wort. Aber manchmal fühle ich, dass die Luft in der Familie irgendwie vergiftet ist. Das merke ich an den feindseligen Blicken oder auch an manchen ironischen Bemerkungen, die bei Tisch hin- und hergehen. Du musst wissen, meine Mutter ist eine sehr schöne Frau, die ihren Körper mit Cremes und Tinkturen pflegt und regelmäßig Sport treibt. Mein Vater ist als ehemaliger Firmenchef quasi in der Prominenz unserer Stadt fest verankert. Im Kleiderschrank finden sich alle Arten der gesellschaftlich vornehmen Garderobe, vom Frack bis zum Smoking. Und auch meine Mutter hat Abendkleider in Hülle und Fülle.“
„Aber, wenn das so ist“, sagt Iris, „dann müssen deine Eltern doch glücklich sein. Sie haben doch keine Sorgen.“ „Nein, Sorgen haben sie nicht“, erwidert er. „Aber irgendwie haben sie sich auseinandergelebt. Lange habe ich gebraucht, bis ich dahintergekommen bin, welcher Sand sich in das Getriebe ihrer Ehe gemischt hat. Ich glaube, sie schlafen nicht mehr miteinander. Vater und Mutter haben getrennte Zimmer und ich habe nie bemerkt, dass sie sich vor dem Einschlafen aufsuchen. Früher müssen sie wohl auch bessere Zeiten gekannt haben, denn immerhin gibt es doch mich, den Sohn, und auch meine Geschwister sind da. Oft habe ich überlegt, wie wohl die Entfremdung unter meinen Eltern angefangen hat. Aber einmal habe ich bemerkt, dass mein Vater heimlich im Auto meiner Mutter den Kilometerzähler überprüft. Es kann dann immer wieder vorkommen, dass er sie zur Rede stellt, wohin sie denn gefahren sei. Da muss es jemand geben, den meine Mutter liebt und ab und zu aufsucht. Als ich immer wieder bemerkte, wie sich meine Eltern ironisch angifteten, habe ich meine Mutter, als ich mit ihr allein war, einmal direkt gefragt, ob sie eine Affäre habe. Sie blickte mich darauf traurig an, strich mir über die Haare und sagte: ‚das ist Urgewalt. Ich kann es nicht mehr ändern. Der andere liebt und versteht mich. Aber ich will die Familie nicht verlassen.‘ Ich weiß nur, dass mir zum Heulen zumute war. Meine Mutter sagte mir dann, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie wisse, wo sie als Mutter hingehöre. Und auch ihren Mann wolle sie unter keinen Umständen verlassen.“ Iris hat Joachim aufmerksam zugehört. Schließlich sagt sie:
„Dein Vater tut mir leid. Es ist schlimm, von der Frau betrogen zu werden. Aber wie hat es nur angefangen. Ohne Grund geht doch kein Mensch fremd.“ „Ja, Iris, alles hat seine Ursache. Und gerade die Untreue vor allem hat ihre Ursachen, ihre Gründe. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter das nie gewollt hat. Und trotzdem hat sie es getan. Vielleicht fühlt sie sich von Vater vernachlässigt. Vielleicht aber auch ist er zu beherrschend. Er hat immer recht, wenn es um das Geschäft geht, um das Geld, überhaupt um die ganze Lebensführung. Ich weiß nicht, was Mutter manchmal so traurig stimmt. Vielleicht hat mein Vater zu wenig Humor, zu wenig Sinn für die kleinen Freuden des Alltags. Mutter muss sich das Frühlingssträußchen immer selber kaufen, Fresien und Margeriten. Und nach jedem langen Winter sehnt sie sich so sehr nach etwas Blühendem. Obwohl meine Eltern sehr gebildet sind, führen sie eigentlich kaum Gespräche über geistige Themen. Und wenn meine Mutter eine Bemerkung macht, aus dem Grunde ihres Herzens, dann kann mein Vater mit einer ironischen Antwort verächtlich drüber hinweggehen. Meistens versandet so das Gespräch, bevor es angefangen hat.“
„Und dein Vater ist immer treu?“, will Iris wissen. „Wenigstens weiß ich nichts Gegenteiliges. Allerdings hat er in den letzten Jahren oft angefangen, allein zu verreisen. Manchmal weite Reisen, bis nach Indien. Sein Interesse an fernöstlichen Religionen und Kulturen hat ihn wohl dazu gebracht. Ursprünglich waren es berufliche Interessen, die ihn in orientalische Länder geführt haben, wo Stoffe und Teppiche daheim sind. Einmal hat Mutter in dem Reiseanzug meines Vaters ein Foto entdeckt von einer jungen Frau, deren bräunliche Haut und tief dunkle Haare eine Inderin vermuten ließen. Mir hat sie das Bild gezeigt, aber zu ihrem Mann hat sie nichts gesagt. Ich bedrängte meine Mutter, sie solle bei Vater die Sache direkt ansprechen. Vielleicht wär alles auch nur ein Missverständnis und würde sich in Harmlosigkeit auflösen. Mutter schaute mich darauf lange traurig an, dann meinte sie, im Schweigen lägen noch die sichersten Möglichkeiten zum Glück. Aber ich fühlte, wie sie in ihrem Innern bitterlich weinte.“
„Und wie ist es jetzt? Bleiben deine Eltern zusammen, oder wollen sie sich scheiden lassen?“ Iris bemerkt gar nicht, wie nüchtern und gefühllos ihre Frage wirken muss. Aber sie will einfach nur wissen, wie es in der Familie dieses Jungen weitergehen wird. „Ich lebe jeden Tag in dieser Angst, dass sich meine Eltern trennen. Aber seit jenen Vorfällen sind schon einige Wochen vergangen. Und ich habe Hoffnung, dass über alles Gras wachsen wird. Die Gewohnheit ist doch der stärkste Kitt unter Eheleuten. Und selbst wenn sie all ihr Vertrauen verloren haben, dann erblicken sie im andern manchmal den verlässlichen Lebenspartner, mit dem sie jetzt schon jahrzehntelang zusammen gelebt haben. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst.“ Iris schaut Joachim lange an. In tiefes Nachsinnen ist sie verfallen. Dann sagt sie: „O doch, ich versteh dich gut. Vielleicht ist das der Preis für jene Liebe, die Menschen in ihrer Jugend empfinden und nach der sie sich mit allen Kräften ihres Herzens sehnen. Schau, ich weiß nicht, wie es mir ergehen wird, in meinem eigenen Leben. Ich möchte nur einen Menschen haben, der lieb und gut zu mir ist und den ich selbst auch lieben kann. Ich glaube, ich würde ihm alles verzeihen, wenn er mich nur nicht verlässt.“
„Ja, das ist das Schlimmste, den andern verlassen. Man kann sich nicht vorstellen, welche grenzenlose Verlassenheit ein Mensch empfinden muss, wenn er vom andern im Stich gelassen wird. Enttäuschungen spielen vielleicht nicht die Hauptrolle. Sie kommen immer vor. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich die Frau, die ich liebe, nicht auch enttäuschen werde. Aber verlassen würde ich sie nie.“ „Und ich dich auch nicht.“ Iris hat sich in einer heftigen Gemütsbewegung Joachim an den Hals geworfen. Und Brust an Brust spüren sie beide ihre Nähe. Heiß liegen ihre Lippen aufeinander und sie schauen sich in die Augen wie in einen tiefen unergründlichen Brunnen.
„Vielleicht sind wir füreinander geschaffen“, sagt Joachim. „Eines weiß ich sicher, gerade bei allem, was in unsern Familien ist, Liebe muss möglich sein. Und auch Treue. Kein Fehltritt kann sie brechen, wenn die Partner nur nicht auseinander gehen. Das weiß ich sicher. Gerade unsere Eltern, bei allen Schmerzen, die sie erleiden und sich einander zufügen, führen uns zu dieser Einsicht. Dankbar müssen wir ihnen sein. Ja, aus tiefster Seele dankbar.“
Joachim und Iris haben sich an den Händen gefasst. Sie gehen ein paar Schritte schweigend dem Wald zu, quer über das Wiesenfeld, dann bringt Joachim seine junge Freundin wieder nach Hause.
Und nun verlasse ich Joachim, von dem ich zuvor nicht wusste, ob es ihn überhaupt gibt. Er ist mir beim Schreiben sozusagen untergekommen. Aber nun kenne ich ihn und ich bin so glücklich, dass ich ihn kennengelernt habe. Vielleicht hat er auch mir und dem Leser einiges zu sagen.
|
|
| Nach oben |
|

|
Wildlion
|
Verfasst: Mi 30. Jun 2010, 14:48 |
|
| Textseite (Newbie) |
 |
Registriert: Mi 15. Jul 2009, 14:32
Beiträge: 49
|
Hallo Hans Werner, jaaa...wie soll ich mich ausdrücken. Ich finde der erste Absatz passt nicht in/zu deiner Erzählung. Mich hats zumindest gestört. Der Protagonist ist doch schon in deinen Gedanken und hat auch mit Sicherheit einen Namen bevor du den ersten Satz schreibst. Also existiert er, zumindest in deinen Gedanken.  Der Charakter entwickelt sich erst dann richtig. Aber als reinen Gedankengang hätte ich den Absatz vor dem Titel gesetzt. ...Ich nenne ihn Joachim.... Um deine Auferstehung wirken zu lassen würde ich es anders schreiben. Vielleicht so? Joachim, ja er heißt Joachim und er ist 17 Jahre alt... ...nur ein Vorschlag, räusper! Aber der Autor will sich über Typ und Marke des Gefährts nicht verbürgen. Denn er ist kein Experte auf diesem Gebiet. Aber beim Schreiben sieht er Joachim zu, wie dieser auf sein Moped steigt und plötzlich vor einem älteren Wohnhaus in der Vorstadt halt macht
für mich bremst das ungemein deine Erzählung ab. Ich habe die Stelle mehr überflogen als gelesen um an der Erzählung dran zu bleiben. Naja um es hier anzubringen hab ich dann doch getan...sie gelesen..meine ich Ansonsten, gut gelungen. Das Thema passt in unsere Gesellschaft und vor allem in das offene Umfeld hierzulande. Und viele sehen bestimmt hier und da Ähnlichkeiten. Zwei Personen, zwei Lebensgeschichten, zwei Gesellschaftsschichten die auf der Suche nach der Wahrheit sich selbst und zueinander finden. Ich glaube das den Lesern diese Erzählung bestimmt einiges sagen wird und nachdenklich stimmt. Doch irgendwie bremst auch hier dein Schluß genau das aus, was du eigentlich bewirken/erreichen willst. Wie gesagt es geht mir so, wie es andere sehen weiß ich nicht. lg Wildlion
_________________ Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. - Franz Kafka
Die Menschen sagen: "Unsere Erde..." Die Erde sagt: "Unser aller Leben..."
|
|
| Nach oben |
|

|
Hans Werner
|
Verfasst: Do 01. Jul 2010, 10:16 |
|
| Taschenbuch |
 |
Registriert: Mi 27. Sep 2006, 16:59
Beiträge: 578
Wohnort: Schramberg
|
|
Hallo Wildlion,
für Deinen Kommentar zu meiner Geschichte danke ich Dir sehr herzlich. Ja, wie soll ich mich ausdrücken? Kennst Du auch das Gefühl, dass man anfängt zu schreiben, und dabei noch nicht einmal einen richtigen Plan hat. Das soll ja wohl nicht gut sein. Ist zumindest nicht der Idealfall. Erzählungen werden wohl besser, wenn man sie vom Ende her schreibt. Aber es gibt auch den anderen Fall, dass man sich beim Schreiben in das Abenteuer des Erfindens, des Unbekannten, hineinbegibt. Die Ideen kommen dann irgendwie unwillkürlich beim Schreiben.
In meinem Fall war es tatsächlich so. Allerdings muss ich zugeben, dass ich diesen Joachim doch schon kannte, von ganz früher her. Aber, dass ich gerade über ihn schreiben wollte, das hatte ich am Anfang noch nicht gewusst. Ein Widerspruch? Ja, wohl ein Widerspruch. Aber in meinem Fall war es so.
Herzliche Grüße
Hans Werner
|
|
| Nach oben |
|

|
Xelanja
|
Verfasst: Do 01. Jul 2010, 13:49 |
|
| Journal |
 |
Registriert: Sa 01. Mär 2008, 15:11
Beiträge: 230
|
|
Hallo Hans- Werner! Bei der Behauptung, dass planloses Losschreiben schlecht sein soll, werden Dir vielleicht Schriftsteller applaudieren - Psychotherapeuten dagegen werden nur verärgert den Kopf schütteln. Es ist sogar sehr gesund, los zu schreiben, ohne vorher genau zu wissen, was man schreiben will. Man sollte dann bloß nicht aufhören, bevor man das Gefühl hat, alles gesagt zu haben, es wird empfohlen, sogar notfalls das letzte Wort so oft zu schreiben, bis einem das nächste einfällt. Wie war das noch mit Dialektik? Ich werd mit dieser Geschichte nicht so ganz warm, kann aber nicht den Finger drauf legen, woran es liegt. Vielleicht bin ich zu alt dafür, vielleicht habe ich auch solche Dialoge in meiner Großfamilie zu oft und in en verschiedensten Situationen miterlebt - auf jeden Fall kann ich mich einfach des eindrucks nicht erwehren, dass sich das (eigentlich das krasse Gegenteil von spontanem Losschreiben) irgendwie sehr konstruiert anhört, als hättest du begonnen und auf der Mitte sei Dir auf einmal die Luft ausgegangen. Andererseits bimmelt das Szenario irgendwie in meinem Kopf mit der Frage, was ich denn anders machen würde. Denn Potential hat die Sache. Aber auch das weiß ich nicht. Schon komisch. Ich habs trotzdem gern gelesen und vielleicht fällt mir ja was Konstruktiveres ein, wenn ich es noch eine Weile hab in meinen Gedanken rumsurmseln lassen.
Alles Liebe Xel
|
|
| Nach oben |
|

|
Hans Werner
|
Verfasst: Fr 02. Jul 2010, 07:42 |
|
| Taschenbuch |
 |
Registriert: Mi 27. Sep 2006, 16:59
Beiträge: 578
Wohnort: Schramberg
|
|
Hallo Xelanja,
zunächst einmal danke ich Dir sehr herzlich für Deine Stellungnahme zu meiner Geschichte. Zunächst einmal freut es mich, dass Du dem spontanen Schreiben sehr viel abgewinnen kannst. Der Einwand, den Du betreffs meiner Geschichte machst, ist wohl verständlich. Der Stil, mein Erzählstil, der etwas konservativ daherkommt, stellt sich beim Leser gegen den Anspruch des spontanen Schreibens. Da wirkt manches konstruiert. Nun habe ich meinen Text noch einmal aufmerksam durchgelesen und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass sich, nach den ersten Abschnitten, in denen ich mich an die Handlung herantastete, tatsächlich so etwas wie eine Prämisse gebildet hat, ein gedankliches Ziel, auf das ich hinschreiben wollte. Worin bestand nun dieses gedankliche Ziel? Ich wollte an den beiden Beispielen von krisengeschüttelten Ehen zeigen, dass Treue nicht darin besteht, keine Fehler, keine Ausbrüche, zu machen, sondern darin, beim andern zu bleiben, auch wenn man ihm dauernd viel, vielleicht allzuviel, zu verzeihen hat. Das ist der Gedanke, der im Hintergrund steht. Aber es ist keine Erkenntnis, keine sicher gewonnene Einsicht, vielleicht eher nur eine Hoffnung, ein Wunsch. Denn am schlimmsten für den Menschen ist doch die Erfahrung, vom Partner verlassen zu werden.
Viele Grüße
Hans Werner
|
|
| Nach oben |
|

|
Wildlion
|
Verfasst: Fr 02. Jul 2010, 11:25 |
|
| Textseite (Newbie) |
 |
Registriert: Mi 15. Jul 2009, 14:32
Beiträge: 49
|
Hallo Hans Werner, aber gehen da nicht immer irgendwelche Gedanken vorab? Eine Idee? eine Vision? ob Tagebuch, ob Bericht, Erzählungen, Geschichten? Zu deiner Frage an mich  : Ich muss gestehen, wenn ich ohne einen Plan schreiben sollte oder mir zuvor keine Gedanken machte, auch wenn sie nur mögliche spontane Eingebungen waren…saß ich vor einem leeren Blatt Papier, beziehungsweise vor einem weißen leeren Word.Doc Bildschirm mit blinkenden Cursor der mich hypnotisiert/e….  …. Und wenn dem doch so war, dann waren es stichworthaltige Wörter, die dann zu einer Erzählung/Story umgesetzt wurden/werden lg Wildlion P.S: Ah, da warst du nun doch schneller und hast meine Fragezeichen beantwortet. Ich hab trotzdem meine Antwort an dich gepostet.... 
_________________ Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. - Franz Kafka
Die Menschen sagen: "Unsere Erde..." Die Erde sagt: "Unser aller Leben..."
|
|
| Nach oben |
|

|
Xelanja
|
Verfasst: Fr 02. Jul 2010, 11:49 |
|
| Journal |
 |
Registriert: Sa 01. Mär 2008, 15:11
Beiträge: 230
|
Hallo Hans-Werner! Hmm, jetzt hast Du mich zum Nachdenken gebracht. Was macht eine Beziehung dauerhaft? Und ich meine jetzt mal eine, die nicht dem Idealzustand nahe ist, dass beide sich über Jahrzehnte lieben und begehren und die gleichen Ziele verfolgen (was ja meist der Fall ist). Eigentlich sollte ich das beantworten können, denn ich gehöre zu jenem Prozentsatz der Menschen, die in einer Beziehung einerseits enorm viel Ellenbogenfreiheit brauchen, für die andererseits aber Treue selbstverständlich ist, solange man die Beziehung nicht beendet hat. Und nein - ich habe meinen eigenen Ansprüchen und Grundsätzen darin auch nicht immer gerecht werden können. Also eigentlich sollte ich das auf den Punkt bringen können. Doch da spielt einfach so viel hinein. Das, wovon man sagt, es sei der Killer jeder Beziehung, ist meiner Ansicht nach, die wichtigeste Basis für Beständigkeit, wenn man sie sich denn wünscht - Gewohnheit. Immer neben dem gleichen Partner auf zu wachen, Dinge tun können, in dem WISSEN wie der Partner darauf reagieren wird, gibt Sicherheit, leider geht das halt auch einher mit Selbstverständlichkeit, Langeweile, Übersättigung. Eine Gratwanderung. Ich weiß, dass ich einem Partner einen Fehltritt verzeihen kann, ohne ihm ihn dann in Gedanken die nächsten 20 Jahre nach zu tragen, erwarte das aber umgekehrt nicht, wäre sogar ein wenig enttäuscht, wenn es so wäre. Wenn für einen Partner ein Seitensprung eben "nur" so ein Ausrutscher wäre, hätte ich das Gefühl, ich sei ihm gleichgülig. Absurd, nicht wahr? Also gebe ich nach Möglichkeit keinen Anlass dazu. Aber ein anderer wichtiger Punkt ist - sich ein zu gestehen, wenn Schluss ist, wenn der Kitt einer Beziehung nur noch Gewohnheit und Bequemlichkeit ist, womöglich die Kinder in einer Beziehung zerrieben werden, weil die Eltern, nicht mal in Streit oder böser Absicht, den Karren mit Gewalt nach zwei Seiten reißen. Ich denke, keiner von uns steht über diesen Fragen drüber und beantworten kann man sie wohl, wie du das eigentlich sehr treffend versucht hast, nur für den Einzelfall, niemals pauschal. In einer Sache muss ich Dir widersprechen und zwar aus persönlicher Erfahrung. Es ist das Schlimmste für einen Menschen, von seinem Partner verlassen zu werden ... ja und nein. Ich habe das, als ich jünger war, auch angenommen. Dann habe ich einen Menschen kennegelernt, den ich wirklich über alles liebte und der mir unglaublich wichtig war/ist. Und ich verstand, dass auch dieser Gedanke nur für die konkrete Situation gültig ist. Mein Partner ist sehr viel jünger als ich und wir sind nun schon seit Jahren zusammen. Für mich selbst wünsche ich mir, natürlich, dass das eeeewig so bleibt. Aber ich stellte überrascht fest, dass das nur ein egoistischer Grundtenor ist. Würde er heute eine Frau kennenlernen, die er wirklich liebhat, mit der er Familie und Kinder haben könnte (alles Dinge, die ich ja im Leben hatte), ich würde mich irrsinnig freuen. Und zwar nicht nur "für ihn" sondern auch für mich selbst. Denn dass er heute beziehungsfähig ist, ist auch mein Verdienst. Ich würde das nicht einmal wirklich als Verlsut empfinden. Komisch, nicht? Er sagt aber seinerseits das gleiche und beobachtet auch mit Argusaugen, ob ich ihn vieleicht nur noch dulde und in Wirklichkeit gern wieder einen Partner hätte, der eben "besser für mich ist". Auch solche Regeln gelten also im Allgemeinen, müssen aber im Besonderen nicht zutreffen. Spontanes Schreiben ist für mich extrem wichtig, auch wenn ich solche Dinge selten anderen zu lesen gebe. Das fing bei mir damit an, dass ich einige Zeit, aus welchem Grund auch immer, gern schlafen gegangen bin, weil ich jede Nacht eine supertolle, spannende Geschichte träumte, nicht immer schön, aber rasend interessant. Das wollte ich natürlich unbedingt aufschreiben. Dadurch, dass ich lernte, Träume in Erinnerung zu behalten und auf zu schreiben, lernte ich enorm viel über mich, meine Art zu denken und aus zu werten und stellte irgendwann fest, dass es auch Trigger gibt, die in mir solche "Träume" im Wachsein auslösen - ich hatte sie nur über dem Alltagsdenken nie bemerkt. Wie ein Autor das handhaben sollte, wusste ich damals, nun lernte ich, dieses System auch mal aus anderer Sicht zu hinterfragen - wie gut ist denn eine bestimmte Art zu schreiben für mich ganz persönlich? Du wirst lachen, ich habe mich damals interessehalber richtig intensiv mit dem Gebiet beschäftigt, so wichtig war es mir. Wie funktioniert unser Gehirn, unsere Psyche, welche Wege gibt es, sie bewusst zu beeinflussen und so weiter. Es war ein riesiges, unüberschaubares und total interessantes Land. Heute finde ich, beide formen des Schreibens haben ihren Platz. Ein Text, spontan runtergeschrieben, ist meist erstmal perfekt auf unser eigenes Verständnis zugeschnitten. Ziehen wir später den inneren Konflikt heraus und arbeiten die Geschichte nach, wird sie "umwelttauglich". Nun steht dem nur ein gewaltiges Hemmnis gegenüber. Geschichten, die "fertig" sind, kann ich frühestens nach Monaten objektiv lesen und überarbeiten, weshalb ich gewaltige Berge "Schreibse" angehortet habe. Aber wir sind ja noch jung und die Ideen sollen ja noch für das ganze Restleben reichen, also seh ichs gelassen. Xela
|
|
| Nach oben |
|

|
Hans Werner
|
Verfasst: Fr 02. Jul 2010, 14:31 |
|
| Taschenbuch |
 |
Registriert: Mi 27. Sep 2006, 16:59
Beiträge: 578
Wohnort: Schramberg
|
Hallo Xelanja, gerade habe ich Deine Zuschrift gelesen, zweimal, dreimal gelesen und bedanke mich zunächst einmal für das große Vertrauen, das in ihr mir gegenüber zum Ausdruck kommt. Ich sehe, dass ich mit meiner Geschichte, aber auch mit meiner Antwort auf einige Beiträge dazu, in Dir viele Gedanken angestoßen habe, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich darf sagen, dass diese Gedanken auf jeden Fall in mir auf fruchtbaren Boden gefallen sind, indem sie eben auch mich zum Nachdenken bringen. Ich muss, ob ich will oder nicht, auf einiges reagieren. Du schreibst: Xelanja hat geschrieben: Ich habe das, als ich jünger war, auch angenommen. Dann habe ich einen Menschen kennegelernt, den ich wirklich über alles liebte und der mir unglaublich wichtig war/ist. Und ich verstand, dass auch dieser Gedanke nur für die konkrete Situation gültig ist. Mein Partner ist sehr viel jünger als ich und wir sind nun schon seit Jahren zusammen. Für mich selbst wünsche ich mir, natürlich, dass das eeeewig so bleibt. Aber ich stellte überrascht fest, dass das nur ein egoistischer Grundtenor ist. Würde er heute eine Frau kennenlernen, die er wirklich liebhat, mit der er Familie und Kinder haben könnte (alles Dinge, die ich ja im Leben hatte), ich würde mich irrsinnig freuen. Und zwar nicht nur "für ihn" sondern auch für mich selbst. Denn dass er heute beziehungsfähig ist, ist auch mein Verdienst. Ich würde das nicht einmal wirklich als Verlsut empfinden. Komisch, nicht? Er sagt aber seinerseits das gleiche und beobachtet auch mit Argusaugen, ob ich ihn vieleicht nur noch dulde und in Wirklichkeit gern wieder einen Partner hätte, der eben "besser für mich ist". Wenn man dieses Gefühl so ernst nehmen und Dir abnehmen will, dass Du bereit wärst, einen geliebten Partner herzugeben an eine andere Frau, dann wäre das ein sehr edles, selbstloses Gefühl. Ich glaube aber, dass sich hier große innere Bestrebungen unwillkürlich widersprechen müssen. Ob man es für wahr halten will oder nicht, jede Liebe strebt doch danach, den geliebten Menschen in gewisser Weise an sich zu binden. Eine Liebe, die den geliebten Menschen in die Freiheit entlassen kann, wäre eine eher mütterliche Liebe, also eine Liebe, die nur aus einem größeren Altersunterschied heraus verständlich und nachvollziehbar wäre. Das Gefühl, einen Menschen "beziehungsfähig" gemacht zu haben, scheint mir auf ein gewisses moralisches Autoritätsgefälle zu verweisen, auf eine in seelischen Dingen lehrhafte Überlegenheit. Bitte, missversteh mich nicht, darin liegt keine Kritik, es ist eben nur die Feststellung, dass vielleicht beide Partner sich nicht ganz auf derselben Ebene bewegen. Und über das "spontane Schreiben" schreibst Du: Xelanja hat geschrieben: Spontanes Schreiben ist für mich extrem wichtig, auch wenn ich solche Dinge selten anderen zu lesen gebe. Das fing bei mir damit an, dass ich einige Zeit, aus welchem Grund auch immer, gern schlafen gegangen bin, weil ich jede Nacht eine supertolle, spannende Geschichte träumte, nicht immer schön, aber rasend interessant. Das wollte ich natürlich unbedingt aufschreiben. Dadurch, dass ich lernte, Träume in Erinnerung zu behalten und auf zu schreiben, lernte ich enorm viel über mich, meine Art zu denken und aus zu werten und stellte irgendwann fest, dass es auch Trigger gibt, die in mir solche "Träume" im Wachsein auslösen - ich hatte sie nur über dem Alltagsdenken nie bemerkt. Damit wäre das spontane Schreiben so eine Art Traumprotokoll. Psychologen lehren ja, man solle ein Traumtagebuch führen, um wiederkehrende Träume und ihre Bedeutung zu diagnostizieren. Der Traum wäre somit eine Pforte ins eigene Unbewusste und könnte einen Weg aufzeigen, um sich selbst zu erkennen oder, noch weiter, um sich selbst zu therapieren. Auch Kafka schrieb ja einmal ins Tagebuch: "Die Darstellung meines traumhaften inneren Lebens hat alles andere ins Nebensächliche gerückt." Wenn man nun aber als Autor in das riesige Arsenal der Traumerinnerungen greift, dann macht man das vermutlich doch auch in der Absicht, das literarische Produkt anderen zugänglich zu machen. Mir jedenfalls geht es so. Ich schreibe, und wenn dann wieder etwas zustandegekommen ist, das in Handlung und Gedankenführung rund und abgeschlossen wirkt, dann will ich es einer Öffentlichkeit zugänglich machen, zum Beispiel hier ins Forum stellen. Die Traumerfahrungen lassen sich mit einem gewaltigen Steinbruch vergleichen, aus denen der Schreibende Mensch dann die Bausteine nimmt und daraus baut und formt. Viele herzliche Grüße Hans Werner
|
|
| Nach oben |
|

|
Xelanja
|
Verfasst: Fr 02. Jul 2010, 14:42 |
|
| Journal |
 |
Registriert: Sa 01. Mär 2008, 15:11
Beiträge: 230
|
Hallöchen! Hans Werner hat geschrieben: Wenn man dieses Gefühl so ernst nehmen und Dir abnehmen will, dass Du bereit wärst, einen geliebten Partner herzugeben an eine andere Frau, dann wäre das ein sehr edles, selbstloses Gefühl. Ich glaube aber, dass sich hier große innere Bestrebungen unwillkürlich widersprechen müssen. Hab ich auch gedacht und nicht nur das - es war meine felsenfeste Überzeugung. Aber es gab eine konkrete Situation, in der ich überzeugt war, Fall X sei eingetreten - und war selbst perplex von meiner Reaktion. Selbstkritisch sage ich dazu, das gilt exakt HEUTE. So angeschlagen mein Selbstbewusstsein auf einigen Gebieten auch sein mag, wenn ich nicht von mir aus allein bleiben möchte, werde ich es auch nie. Davor habe ich keine Angst. Das spielt dabei natürlich eine Rolle. Und ob das in 5 oder 10 Jahren noch so ist, oder ob ich dann velleicht aus genau diesem Grunde anfange zu klammern - keine Ahnung. Man kann den Sachverhalt auch umdrehen und es als Traumafolge verstehen. Ich habe in meinem Leben fast niemals etwas längere Zeit behalten dürfen, was mir wichtig war, seien es Menschen oder Gegenstände und nur sehr selten trug ich daran einen großen Teil Schuld, meist war es irgendwie "Schicksal". Seitdem setze ich mich, bevor ich irgendwas näher an mich herankommen lasse, schon unterbewusst damit auseinander, dass ich auch weiterleben muss, wenn ich es/ihn/sie verliere. Ich bin einfach kein Mensch, der mit dem Leben per se abschließen kann, nur weil in einem Bereich irgendeine Tür endgültig zugefallen ist. Verschwitzte Grüße Xela
|
|
| Nach oben |
|

|
Hans Werner
|
Verfasst: Sa 03. Jul 2010, 11:58 |
|
| Taschenbuch |
 |
Registriert: Mi 27. Sep 2006, 16:59
Beiträge: 578
Wohnort: Schramberg
|
Hallo Xelanja, vielen Dank für Deine Antwort und vor allem auch für die Einblicke, die Du mir in Deine ganz persönliche Erfahrungswelt gewährst. Xelanja hat geschrieben: So angeschlagen mein Selbstbewusstsein auf einigen Gebieten auch sein mag, wenn ich nicht von mir aus allein bleiben möchte, werde ich es auch nie. Davor habe ich keine Angst. Das spielt dabei natürlich eine Rolle. Und ob das in 5 oder 10 Jahren noch so ist, oder ob ich dann velleicht aus genau diesem Grunde anfange zu klammern - keine Ahnung. Das möchte ich Dir gerne glauben. Was die selbstkritische Einstellung anbelangt, die sich manchmal negativ auf das Selbstbewusstsein auswirken kann, so ist diese zunächst einmal eine positive Charaktereigenschaft. Ich hasse die Menschen, die mit breitbeiniger Ichgewissheit ins Leben stolpern. Und Menschen, die zu sich selbst eine kritische Einstellung haben, werden von anderen unbewusst auch als liebenswert und wertvoll angesehen. Der Ausdruck "klammern" ist eine etwas unschöne Umschreibung für die Bemühung eines liebenden Menschen, die Beziehung, die man als kostbar erkannt hat, dauerhaft zu gestalten. Xelanja hat geschrieben: Ich habe in meinem Leben fast niemals etwas längere Zeit behalten dürfen, was mir wichtig war, seien es Menschen oder Gegenstände und nur sehr selten trug ich daran einen großen Teil Schuld, meist war es irgendwie "Schicksal". Seitdem setze ich mich, bevor ich irgendwas näher an mich herankommen lasse, schon unterbewusst damit auseinander, dass ich auch weiterleben muss, wenn ich es/ihn/sie verliere. Man muss vorsichtig sein, dass man nicht von negativen Zukunftsahnungen zu sehr beeinflusst und geführt wird. Die Freude und Beglückung durch eine Beziehung oder durch irgendeinen Besitz, sei es ein schönes Haus mit Garten oder ein schönes Auto, haben ihren Wert in sich, der natürlich nicht verabsolutiert werden darf. Aber das ganze Leben setzt sich wie ein Blumenteppich aus solchen Glückserfahrungen zusammen. Und im übrigen ist der Gedanke an den Verlust etwas sehr Menschliches, weil wir ja letztendlich den allergrößten Verlust erdulden müssen, nämlich Abschied vom Leben, von den Angehörigen und Freunden, und manchmal auch, durch demente Erkrankungen, Abschied von allen geistigen Besitztümern, die wir in unserem Bewusstsein aufgehäuft haben. Herzliche Grüße Hans Werner
|
|
| Nach oben |
|

|
Xelanja
|
Verfasst: Sa 03. Jul 2010, 20:59 |
|
| Journal |
 |
Registriert: Sa 01. Mär 2008, 15:11
Beiträge: 230
|
Hallo Hans-Werner! Weißt Du, in einem anderen Forum kam einmal die Frage, wie authentisch man als Person im Internet überhaupt sein kann. Ich sage über mich - ich bin es gar nicht. Und das nicht, weil ich irgendwas erfinde, irgendwie lüge, sondern weil man ein geschriebenes und ein gesprochenes Wort niemals wirklich gleichsetzen kann. Wer mich rl kennenlernt, hält mich zunächst mal für eine unbedarfte kleene Alte, die höchstens irgendwo eine Sammlung toller Kochrezepte aufgeschrieben hat. Nur die mich näher kennen, bringen mein reales Ich mit Xel in Verbindung. Aber auch das, der wirklich unbedarfte, bodenständige Mensch, dessen größtes Problem es ist, wenn die Makkaroni mal wieder matschig geworden sind und der sich doof über einen Topf mit Glockenblumen freuen kann, ist ein Teil von mir. Ich liebe das Leben und bin rl jemand, der ein hervorragendes "Opfer" abgibt, eben WEIL es so ist, weil ich mich über alles freuen kann und einiges dafür gibt, das auch anderen zu vermitteln, was manchmal ziemlich gluckig wirkt. Himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt - das beschreibt mich ganz gut, allerdings bin ich nicht spontan launisch. Mich beeindrucken Erlebnisse jeder Form sehr tief, aber sie bestimmen mein Leben nur eine "angemessene" Zeit (doofe Beschreibung, aber ich kanns nicht besser erklären). Das Leben ist schön. Dass es allerdings einfach wird, hat uns keiner versprochen.  Xela
|
|
| Nach oben |
|

|
Seite 1 von 1
|
[ 11 Beiträge ] |
|
|
Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde
|
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste |
|
Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen. Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen. Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern. Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
|
|